• vom 25.07.2018, 17:18 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 25.07.2018, 17:21 Uhr

Opernpremiere

Bunte Nachtmusik für drei Knaben




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Von Christoph Irrgeher

  • "Die Zauberflöte" eröffnet am Freitag den Opernreigen in Salzburg. Lydia Steier über ihre Regie.

Sie sucht die Balance zwischen Spektakel-Spaß und Seelendrama: Opernregisseurin Lydia Steier.

Sie sucht die Balance zwischen Spektakel-Spaß und Seelendrama: Opernregisseurin Lydia Steier.© Sandra Then Sie sucht die Balance zwischen Spektakel-Spaß und Seelendrama: Opernregisseurin Lydia Steier.© Sandra Then

Der Name täuscht: Lydia Steier stammt nicht aus unseren Breiten. Zwar hat sie hier Wurzeln: Ihre Großeltern flohen aus Wien, als die Nationalsozialisten einmarschierten. Steier erblickte dann aber 1978 in Hartford, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Connecticut, das Licht der Welt.

Mittlerweile spricht sie aber doch Deutsch - mit nördlichem Einschlag. Im Jahr 2002 ist Berlin ihre neue Heimat geworden. Steier - sie hatte davor in den USA Opernregie und Gesang studiert - war mit einem Stipendium nach Europa gekommen. In der Landessprache konnte sie sich nicht gleich mitteilen. Das änderte sich aber rasch. "Ich wurde Assistentin an der Komischen Oper Berlin und stand vor einem Chor, der überwiegend aus nicht-englischsprachigen Menschen bestand. Da musste ich mich schnell verbessern." Nachsatz: "Meiner Meinung nach lernt man nur aus Panik."


Liebling des Feuilletons
Seither hat sie sich auch als Regisseurin entwickelt. In der Opernszene hat ihr Name Gewicht. Das Deutschlandradio nannte sie 2009 die "Neuentdeckung des Jahres", die Zeitschrift "Opernwelt" kürte eine Arbeit von Steier 2016zur "Produktion des Jahres".

Das hat auch mit Fleiß zu tun: Die Amerikanerin stellt pro Jahr vier Werke auf die Bühne. Sie hat sich an Klassikern ebenso abgearbeitet wie an Raritäten, an Zeitgenössischem und an Barock-Brocken. Auf einer Wiener Bühne war sie erst einmal zu sehen: 2015 brachten die Festwochen ihre Fassung von Händels "Jephtha" in die Stadt. Ein starker Tobak: Steier zeichnete das Bild eines Kriegsveteranen, auf dem die böse Erinnerung ebenso schwer lastet wie der Harnisch - bis er daran zerbricht.

Nun haben die Salzburger Festspiele die Amerikanerin mit der ersten Opernpremiere des Sommers betraut. Ab Freitag läuft Steiers "Zauberflöte" im Großen Festspielhaus. Die Aussichten werden heiterer sein als im Fall von "Jephtha": Eine Tausendschaft von Swarovski-Kristallen wird auf den Kostümen funkeln, ein Meer von Farben wogen, mit Artisten, Tieren und Attraktionen darin. Auch das Konzept wirkt kinderlieb. Steier beginnt den Abend mit einer Rahmenhandlung: Ein Großvater (Klaus Maria Brandauer) liest drei schläfrigen Knaben am Bett aus Mozarts "Zauberflöte" vor. Quasi eine Gute-Nacht-Musik.

Zielt Steier diesmal auf Entertainment für die ganze Familie ab? "Auf jeden Fall ist das eine Arbeit, die sich jeder anschauen kann", sagt sie im Telefongespräch. Aber: "Es soll nicht nur ein Märchen sein, wir bewegen uns auch in einem politischen Kontext. Durch den Filter des Zirkushaften können wir schwierigere Themen anschneiden, ohne dass es pedantisch oder behäbig wird." Steier hat sich für die Bilder ein Vorbild gewählt, das kaum jemand kennt: "Little Nemo in Slumberland". Unter dem Namen hat Winsor McCay Comic-Strips gezeichnet, die vor allem in den 1910er Jahren in amerikanischen Zeitungen erschienen. Der kleine Nemo taucht in jeder Bilderfolge in ein "Schlummerland" ein; Wirklichkeit und Traum durchwirken sich in einem surrealen Strudel. Steier: "Es mischen sich Gestalten aus dem eigenen Leben mit Clownparaden, es tauchen aber auch politische Figuren auf."

Sexismus? Augen verdrehen!
In Salzburg werden gleich drei Nemos (die Buben vom Beginn) in die Traumwelt eintauchen. Sie verkörpern dort nicht nur die Mozart-Rollen der "drei Knaben", sondern begleiten den Helden Tamino stets. Dabei gilt es nicht zuletzt, menschliche Grundängste zu gewärtigen. "Die Furcht, nicht geliebt zu werden, nicht zu genügen, sich beweisen zu müssen. Für mich stellt die ‚Zauberflöte‘ die Frage, wie man mit diesen Ängsten umgeht und sie bewältigt." Steiers Tamino wird nicht nur geistig, sondern auch körperlich reifen: Im Lauf des Abends wächst er vom Kind zum Mann heran. Dabei sucht die Regisseurin vor allem eine Balance zwischen dem Spaß und Ernst dieses Singspiels: "Der erste Akt ist ein Ritt durch Märchenelemente. Wenn man das zu lustig angeht, steht man im zweiten Teil mit leeren Händen da. Legt man den Anfang zu ernst an, fällt das Stück auseinander. Darum liegt die Herausforderung in einer Mischung."

Und wie geht es ihr mit den sexistischen Sprüchen dieser Oper? "Ohne Frauenfeindlichkeiten wäre es ein ganz kurzes Stück", schmunzelt Steier. Manchen Macho-Sager werde sie kommentieren lassen: Die drei Damen verdrehen dann etwa die Augen. Aber: "Man muss da nicht übereifrig sein mit Political Correctness. Dies ist ein Bestandteil des Stücks."




Schlagwörter

Opernpremiere, Lydia Steier

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-25 16:44:15
Letzte Änderung am 2018-07-25 17:21:30



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