• vom 27.07.2018, 20:07 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 27.07.2018, 20:10 Uhr

Salzburger Festspiele

Der Aufklärung gefräßige Kinder




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Von Judith Belfkih

  • Philipp Blom plädiert bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele für eine neue, mutige Aufklärung.

- © APA/FRANZ NEUMAYR/LEO

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Salzburg. Wir sind Kinder der Aufklärung - so rühmt sich Europa an der Schwelle der digitalen Revolution immer noch gerne. Aus ihren Errungenschaften glauben wir unsere Weltsicht abgeleitet zu sehen, auf sie stützen wir unseren mitunter bedrohlich wankenden und dadurch erst echt viel beschworenen Wertekanon. Wie sehr dieses Berufen in heutigen Zeiten zur leeren Phrase, zum geheuchelten Lippenbekenntnis, ja zur Parodie ihrer selbst verkommen ist, das zeigte Historiker Philipp Blom eindrucksvoll in seiner Salzburger Festrede. In der Felsenreitschule analysierte er am Freitag die Verlogenheit, die in diesem Brüsten Europas, ja der gesamten westlichen Welt steckt.

Die zentrale Eigenschaft nämlich, die die Aufklärung ausmache, sie stehe in schroffem Gegensatz zur Gegenwart: ein mutiges, offenes, zuweilen radikales Denken. Ein Weltbild also, das den kritischen Geist höher stellt als blinde Dogmen oder Ideologien. Eine angstbesetzte Gegenwart, die Aufklärung "als eine Art Regenschirm gegen das Ungekannte" einsetze, widerspreche diesem Grundgedanken diametral. Wir, als Erben der Aufklärung seien nicht mehr bereit, dieses Risiko des Denkens einzugehen: "Wir wollen eigentlich keine Zukunft, wir wollen nur, dass unsere privilegierte Gegenwart nie aufhört."


Viele Wege aus der Krise
Mit der damit einhergehenden Krise des mehr oder weniger geeinten Europas beschäftigten sich auch die weiteren Redner der Festspieleröffnung. Nach der charmanten Begrüßung durch Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler widmete sich Landeshauptmann Wilfried Haslauer den vielen Anlässen für das Gedenkjahr 2018 und beschwor die Kraft der Kunst, das Versprechen des Nie-Wieders auch Wirklichkeit werden zu lassen. Auch Gernot Blümel hielt bei seinen ersten Salzburger Festspielen als Kulturminister ein Plädoyer für die Internationalität von Kunst, die sich als perfektes Instrument erweise, um nationalistischem Denken Einhalt zu gebieten: "Im Wesen von Kunst und Kultur liegt der dialektische Schaffensprozess einer gemeinsamen europäischen Identität." An dieser wird in Salzburg derzeit auch am Rande der Festspiele gefeilt: Durch Treffen von Bundeskanzler Sebastian Kurz mit der britischen Premierministerin Theresa May sowie mit seinen Amtskollegen Jüri Ratas aus Estland und Andrej Babis aus Tschechien.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnete die Festspiele offiziell und verteidigte die in seiner von Applaus durchzogenen Rede die Idee eines geeinten Europas voller Leidenschaft, Vernunft und Gewissen. Er warnte vor "freiwilliger Verzwergung" der Mitgliedsstaaten durch neu aufkeimende Nationalismen. Die Idee nationaler Souveränität erweise sich in einer globalisierten Welt als Illusion.

Musikalisch gestaltete die Eröffnung das Mozarteumorchester Salzburg unter der behutsamen wie leidenschaftlichen Leitung von Kent Nagano. Sie würdigten mit Leonard Bernsteins Ouvertüre zu "Candide" und Gottfried von Einems Ballade für Orchester op.23 nicht nur musikalische Jubilare des Jahres, sondern blickten mit dem Schleiertanz aus Richard Strauss’ "Salome" auch auf ein mögliches Opernhighlight des Festspielsommers voraus.

Für eine neue Aufklärung
Philipp Blom schloss in seiner Festrede trotz aller Gegenwartskritik ebenso zuversichtlich wie die politischen Redner. Statt es dem Hefepilz gleichzumachen und sich "dem eigenen Ersticken entgegen zu fressen", müsse die Menschheit erkennen, dass sie nicht die Krönung der Schöpfung darstellt, "dass wir nicht erhaben sind über die Natur, sondern mitten in ihr". Das hätte zu Konsequenz, dass Ökonomie als Teil der Ökologie begriffen wird: "Das wäre riskant für unseren Wohlstand, für den Status quo. Das wäre aufklärerisch."

ORF2 überträgt die Premiere der Salzburger "Salome" am Samstag,
28. Juli, live-zeitversetzt ab 22 Uhr.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-27 15:26:14
Letzte Änderung am 2018-07-27 20:10:36



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