• vom 29.07.2018, 19:48 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 29.07.2018, 19:52 Uhr

Oper

Die Furien der Verweigerung




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Von Judith Belfkih

  • Eine packende wie mystische "Salome" als erstes Opernhighlight der Salzburger Festspiele.

Asmik Grigorian als Salome glänzt mit einem glasklaren Sopran. - © APAweb / Barbara Gindl

Asmik Grigorian als Salome glänzt mit einem glasklaren Sopran. © APAweb / Barbara Gindl

Salzburg. Begehren ist eine Kraft, die sich der Logik entzieht. Doch es liegt in der Logik des Begehrens, sich an der Verweigerung weiter zu entzünden. Mehr noch: Wer das Begehren aller auf sich zieht, kann die eigene Erlösung nur noch an die absolute Verweigerung knüpfen. Dass sich daraus ein gefährlicher, wenn nicht sogar tödlicher Kreislauf zu entspinnen vermag, das zeigt die Figur der Salome auf eindringliche Weise.

Regisseur Romeo Castellucci beschränkt sich bei seiner Sicht auf die Strauss-Vertonung der berühmten Enthauptungsgeschichte in Salzburg nicht auf das bloße Freilegen der tiefen Mechanismen menschlichen Begehrens. Er spielt das Spiel der Verweigerungen in seinen rätselvollen Bildern weiter.

Zivilisation und Animalität

Die Bühne der Felsenreitschule ist nackt, die Bögen sind verschlossen, quasi stumm. Den behauenen grauen Stein in seiner Archaik kontrastiert Castellucci mit einer Bodenfläche und einzelnen Requisiten aus glänzendem Gold. Kultur trifft hier auf Natur, Zivilisation auf Animalität, Schwarz auf Weiß. Die junge Prinzessin Salome, auf der die lüsternen Blicke ihres Stiefvaters lasten und die so manches Untertanen, zeigt der Regisseur im strahlend weißen Brautkleid. Sie ist zwar unschuldige Projektionsfläche. Doch als sich ihr eigenes Begehren an der Verweigerung Jochanaans zu entfalten beginnt, verfällt sie ihrer eigenen, ihr von den begehrenden Männern eingeschriebenen Mächtigkeit und wird zur Mörderin. Ein archaischer Triebakt, für den sie letztlich selbst mit dem Leben bezahlt.

Castellucci dreht die Spirale der Verweigerungen aber noch weiter. Statt des Schleiertanzes stellt er die regungslose Salome kauernd und zum Objekt reduziert auf einem goldenen Sockel aus. Als Jochanaan aus der Zisterne steigt, umgibt ihn ein schwarzer Schattenkreis, der nach und nach die ganze Bühne verschluckt. Salome wird schließlich nicht der Kopf des Täufers gebracht, sondern sein Rumpf. Selbst ihr grausamer Triumph, die Lippen des Toten zu küssen, ist ihr hier genommen. Mehr Verweigerung geht kaum noch.

Auch wenn sich bei weitem nicht alle Details erschließen, Castelluccis Bühnenräume - er zeichnet auch für Licht und Ausstattung verantwortlich - sprechen eine starke Sprache. Von der aufgeschütteten Erde, dem unruhig tänzelnden schwarzen Pferd und dem zahlreichen Zaumzeug, die Jochanaan zugeordnet sind, bis zu dem kleinen Mädchen und dem milchig-weißen Bassin, in dem sich Salome verliert. Das stärkste Bild prägt jedoch Asmik Grigorian als Salome selbst. Sie ist die ungemein überzeugende Darstellerin einer burschikosen, zugleich trotzigen, ebenso fragilen wie mächtigen Figur, die mehr Mädchen als Frau ist. Gerade weil sie nicht vordergründig erotisch ist, ist ihr eigenes Begehren so radikal, tief - und letztlich fatal. Vor allem aber singt sie sensationell. Ihr Sopran ist zugleich lyrisch und kraftvoll, strotzt vor müheloser Vitalität und ist von beseelter Dramatik erfüllt.

Auch sonst ist diese "Salome" exzellent musiziert. Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker sind nicht nur ein exquisites, eingeschworenes Strauss-Team. Der Klang, mit dem sie bei der Premiere am Samstag auch die dunkelsten Abgründe erstrahlen lassen, ist gleißend, klar fokussiert und doch voll satter Pracht. Nie kippt dieser Strauss in seine Klischees, nie verliert er sich im Kitsch oder bricht an allzu knalligen Phrasierungen.

Ein einziger Spannungsbogen

Wie aus einem Guss entfaltet Welser-Möst eine niemals auch nur ein wenig wankende Klangsäule, die von der ersten bis zur letzten Note unter einem einzigen Spannungsbogen steht. Der glasklare Sopran von Asmik Grigorian glänzt über diesem leidenschaftlichen, stets balancierten Orchesterklang, erwächst aus ihm und verschmilzt wieder in seiner prächtigen Fülle. Und auch den anderen - hervorragend besetzten - Solisten legt Welser-Möst einen Klang zu Füßen, auf dem sie mühelos zu tanzen vermögen.

John Daszak als gieriger wie mächtiger Herodes, die präsente Anna Maria Chiuri als seine Frau und Salomes zerrissene Mutter Herodias und der lyrische Julian Prégardien als Salomes glückloser Verehrer Narraboth. Und natürlich Gábor Bretz, der einen fokussierten, vokal jugendlicher Jochanaan singt. Was ihm dadurch an Klangmacht fehlen mag, macht er durch Präsenz und stimmliche wie darstellerische Bestimmtheit wett. Die Fixierung der jungen Salome auf den wild wütenden Propheten macht diese Besetzung doppelt glaubhaft.

Die absolute Hingabe an diesen prächtigen, strahlenden Klang von Seiten der Musiker und als Kontrast dazu die rätselhaften, kargen und viele erwartbaren Übersetzungen verweigernden Bilder Castelluccis - das er gibt im Zusammenspiel ein nur scheinbares Gegensatzpaar. Es ist packendes, absolut gegenwärtiges wie zeitloses Musiktheater auf höchstem Niveau, das nicht nur im Augenblick in den Bann zieht, sondern dessen Klänge und Bilder noch lange nachhallen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-29 19:49:12
Letzte Änderung am 2018-07-29 19:52:08



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