• vom 02.08.2018, 17:19 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 03.08.2018, 10:44 Uhr

Debatte

Veruntreute Werke?




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Petra Paterno und Christoph Irrgeher

  • Was bedeutet der Begriff Regietheater am Theater und was in der Oper? Annäherungen an einen hybriden Terminus, der bei den diesjährigen Salzburger Festspielen wieder einmal für Irritationen sorgt.





Regietheater im Schauspiel

(pat) Das Schauspielprogramm der diesjährigen Salzburger Festspiele dürfte an diesem Wochenende auf einen Höhepunkt zusteuern, wenn am Samstag Knut Hamsuns Roman "Hunger" von Frank Castorf auf die Bühne gewuchtet wird. Niemand, der das Schaffen des Berliner Regisseurs kennt, glaubt ernsthaft daran, dass er Hamsuns autobiografisches Romandebüt vom bitteren Elend eines jungen Schriftstellers eins zu eins szenisch umsetzen wird. Aber: Wen kümmert’s?

Frank Castorfs Theatersprache, geformt von Exzess und Formzerfall, vom Zertrümmern linearer Erzählung mit Hilfe fantastischer wie kurioser Einschübe, gilt vielen als Paradebeispiel für das Regietheater - eine Bühnenspielart, die das deutschsprachige Theater weltweit ebenso einzigartig wie fragwürdig macht, je nach Perspektive. Wobei der Begriff Regietheater selbst dermaßen elastisch ist, dass er bei näherer Betrachtung fast alles und so gut wie nichts besagt.

Der Terminus geistert seit den 1970er Jahren durchs Feuilleton und etablierte sich rasch als Kampfbegriff für all das, was am zeitgenössischen Theater auf- und missfiel. Konkretisiert wurde das an jenen szenischen Darbietungen, die mit Tabubrüchen, Gewalt und Sex auf offener Bühne operierten. Für besondere Empörung sorgten Klassikerinszenierungen, die man nicht wiederzuerkennen glaubte, weil die Handlung an unübliche Spielorte und in andere Epochen verlegt wurde - "Macbeth" in NS-Uniform - oder massiv in die Texte eingegriffen wurde - Stichwort: Stückzertrümmerung. Als Gegenwehr wurde die Werktreue eingefordert. Das viel beschworene Autorentheater ist indes genauso inhaltsleer. Wer kann schon zweifelsfrei behaupten, er kenne die Absicht eines Autors, der vor Jahrhunderten lebte und wirkte? Sollte nicht vielmehr jede Epoche die Klassiker neu entdecken? Machen nicht gerade die vielfältigen Deutungsmöglichkeiten erst die Qualität aus?

Schafft den Begriff Regietheater ab!

Vielleicht steckt dahinter die Frage nach der Akzeptanz eines ganzen Berufsstands. Mitte des 19. Jahrhunderts tauchte der Regisseur am Theater auf, zuvor waren die einzelnen Szenen lediglich nach Auf- und Abgängen arrangiert worden. Künstler wie Edward Gordon Craig, Adolphe Appia und Max Reinhardt verstanden das Theater hingegen als Synthese der Künste, dessen eigentliche Bedeutung weit über das bloße Ausbuchstabieren einer Handlung hinausweist. Geburtsstunde des Gesamtkunstwerks. Für die Theatererfindungen der Zwischenkriegsjahre gab Bertolt Brecht das Motto vor: "Das schlechte Neue ist immer noch besser als das gute Alte."

Nach der Zäsur der NS-Diktatur knüpften in den 1960er Jahren die "jungen Wilden" - Claus Peymann, Peter Zadek, Klaus Michael Grüber - in ihren Inszenierungen an die historischen Vorbilder an. Das Theater jener Zeit richtete sich gegen den Konservativismus der Wiederaufbaujahre, die skandalumwitterten Aufführungen steigerten im Gegenzug den Marktwert dieser Regisseure. Das Publikum pilgerte fortan nicht mehr ins Theater, um beliebte Schauspieler oder bestimmte Stücke zu sehen, sondern auch, um sich von der Inszenierung, von dem, wie etwas gemacht ist, überraschen zu lassen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Regietheater versus Werktreue gilt noch immer symptomatisch für entgegengesetzte Positionen: progressiv versus rückwärtsgewandt, zeitgenössisch versus altbacken.

Aber ist die Debatte nicht längst erlahmt? Es wäre hoch an der Zeit, das Schisma endgültig zu überwinden: Worte entwickeln auf der Bühne ein Eigenleben, eng verwoben mit Kunstströmungen und Tendenzen der jeweiligen Epoche. Das wäre dann Theater. Ohne Wenn und Aber.


weiterlesen auf Seite 2 von 3




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-02 17:29:20
Letzte Änderung am 2018-08-03 10:44:37



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Andreas Gabalier: Im Rausch der Zeit
  2. Volksnähe mit Mozart
  3. Striche der Apokalypse
  4. Am Ende Frohlocken
  5. b + s
Meistkommentiert
  1. Andreas Gabalier: Im Rausch der Zeit
  2. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  3. Die neue Einstimmigkeit
  4. ORF teilt TV-Sender gesellschaftlichen Gruppen zu
  5. Posthume Resterampe


Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker.

Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk. Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.


Werbung