• vom 10.08.2018, 16:05 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 10.08.2018, 16:21 Uhr

Konzertkritik

Der Abgrund unter der Blumenwiese




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Von Christoph Irrgeher

  • Christiane Karg mit Liedern von Tod und Verzweiflung in Salzburg.

Gläserne Unheilsrufe: Sopran Christiane Karg.

Gläserne Unheilsrufe: Sopran Christiane Karg.© Gisela Schenker Gläserne Unheilsrufe: Sopran Christiane Karg.© Gisela Schenker

Um das Publikum zu erschrecken, muss man nicht unbedingt auf die Pauke hauen. Es kann auch eine plötzliche Todesstille ins Mark fahren. "Warum", tönt der Sopran von Christiane Karg, "singt denn mit so kläglichem Laut / die Lerche in der Luft? / Warum steigt denn aus dem Balsamkraut / hervor ein Leichen . . ?" Die Vorlage von Heinrich Heine endet zwar nicht hier. Felix Mendelssohn Bartholdy hat das Gedicht aber nicht weiter vertont. Und Aribert Reimann hat diese Skizze 1996 für eine Bearbeitung aufgegriffen und beließ es bei dem Ende. Die Wirkung ist wie in einem guten Horrorfilm: Das Grauen braut sich im eigenen Kopf zusammen. Ein Leichen . . ? Duft!

Reimann hat unter dem Titel ". . . oder soll es Tod bedeuten?" eine ganze Reihe Bartholdy-Lieder bearbeitet. Sein auffälligster Eingriff: Statt eines Klaviers begleitet nun ein Streichquartett den Gesang, bricht zwischen den Nummern in zeitgenössische Dissonanzen aus - eine sehr auffällige Duftmarke des Bearbeiters. Reimann setzt aber auch die feine Klinge ein, infiltriert die Begleitnoten der Lieder, ohne ihre Tonalität zu sprengen. Die Folgen sind irritierend: Bartholdys "Auf Flügeln des Gesanges" wird nicht mehr von wohligen Arpeggios grundiert, sondern von einem bleichen Streichergespinst umschwirrt; das Lied vermittelt den Eindruck einer Eisfläche, die jeden Moment reißen und Abgründe auftun könnte.

Information

Quatuor Modigliani
Christiane Karg (Sopran)
Salzburger Festspiele, Mozarteum

Das französische Quatuor Modigliani hat diesen Grusel nun am Donnerstag im Salzburger Mozarteum mit aller Finesse aus den Saiten gekitzelt und Christiane Karg dazu so gläserne (wenn auch nicht textdeutliche) Legatobögen fließen lassen, dass einem ganz unwohl wurde vor Subtilität. Und der Abend barg noch mehr starken Tobak, nämlich auch Reimanns "Mignon"-Zyklus: eine Kompilation schaurig schöner Schubertlieder, allerdings ohne Neuton-Beigaben. Zuletzt Beifall für ein Konzert, das mit der Wucht von Tschaikowskis Drittem Streichquartett vergleichsweise freundlich endete.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-10 16:14:33
Letzte Änderung am 2018-08-10 16:21:36



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