• vom 12.08.2018, 16:45 Uhr

Salzburger Festspiele


Konzertkritiken

Gourmet-Sonaten und Sacre-Eintopf




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Von Christoph Irrgeher

  • Kontrastreiche Konzerte: Daniil Trifonov und Martin Grubinger in Salzburg.

Gefeiert: Trifonov als uneitler Pianist.

Gefeiert: Trifonov als uneitler Pianist.© Salzburger Festspiele/Borrelli Gefeiert: Trifonov als uneitler Pianist.© Salzburger Festspiele/Borrelli

Auch bei Edel-Festspielen läuft nicht alles glatt. Als der Meisterpianist Grigori Sokolov am Mittwoch seinen Zugang zu Joseph Haydn in Salzburg präsentierte, suchte sich auch der Platzregen überraschende Bahnen: Listig durchs Dach gesickert, ergoss er sich über einigen Publikumsköpfen im Großen Festspielhaus.

Auch Martin Grubinger hat es hier kalt erwischt. Der Grund dafür war aber rechtlicher Natur. Der Schlagwerk-Star wollte eine Bearbeitung des "Sacre du printemps" spielen, scheiterte aber am Protest des Verlags: Das Stück darf nur in zwei Versionen Strawinskis ertönen. Zwar hat Grubinger seine Fassung für Rhythmusgruppe und Klavier (genauer gesagt: für den chinesischen Tastenwirbelwind Yuja Wang) schon in Übersee aufgeführt. Er darf das aufgrund der Rechtslage aber nur dort - nicht in Europa. Am Samstag begrüßte der Publikumsliebling den Saal jedenfalls mit einer Zusammenfassung der Misere und gab sich kämpferisch: Sein Percussive Planet Ensemble lasse sich "die Party nicht vermiesen" und werde jetzt eine Dreiviertelstunde Musik mit Strawinski-Zitaten spielen.


Nun sind solche Wagnisse durchaus zu begrüßen: Die Stars der Musikwelt (im Pop und in der Klassik) tingeln heute gern mit ein und demselben Programm um den Planeten - eine Usance, die man in Salzburg zu unterbinden versucht, um nicht zur x-beliebigen Abspielstation zu verkommen. Grubingers Plan B hat aber seine Tücken. Gewiss, die Sache ist mit reichlich Show-Effekten gepfeffert: Flankiert von E-Gitarre und -Bass, Synthesizern, Klavier und Bläsertrio wuseln der Rhythmus-Artist und seine Zunftkollegen in einem Fuhrpark aus Marimbas, Euro- und Ethno-Trommeln herum. Musikalisch laviert man sich aber durch Stückwerk, bei dem die Faust aufs Auge prallt: Nach einem Strawinski-Zitat ("Sacre") setzt es Chorgesänge in "Kumbaya"-Manier, ein "Feuervogel"-Souvenir wird vom Smooth Jazz des Sopransaxofons beantwortet, dazu treiben Jazzrock, Orient-Leihnahmen und Marimba-Notenberge grelle Blüten. In Summe Kraut und Rüben - im Einzelnen aber so schmissig musiziert, dass es dem Publikum den Beifall aus den Händen reißt: der Höhepunkt des Abends, an dem Yuja Wang dann noch drei Ligeti-Etüden gab und an einer (vergleichsweise unauffälligen) Bearbeitung von Bartóks Sonate für (ursprünglich) zwei Klaviere und Schlagzeug mitwirkte.

Lyrik statt Action
Dass große Kunst nicht unbedingt im Paradiesvogelgewand daherkommen muss, bewies am Freitag ein denkwürdiger Abend mit den Virtuosen Renaud Capuçon, Clemens Hagen und Daniil Trifonov. An sich ist bei solchen All-Star-Terminen Skepsis geboten: Es droht die Gefahr des meisterlichen Aneinander-Vorbeispielens. Im Haus für Mozart ist das jedoch ausgeblieben und Trifonov akustisch fast in der Versenkung verschwunden: Sollte ein dreister Saboteur den Flügel nicht mit Watte ausgestopft haben, versteht der Shooting-Star unter den Pianisten Kammermusik offenbar als Prüfstein der Selbstlosigkeit. Die Noten von Debussys g-Moll-Sonate schwirren zart wie ein Kolibri und ebenso wendig aus dem Klavier, während Capuçon seinem Geigenklang enorme Innenspannung verleiht und sinnliche Eleganz.

Aber auch der Franzose zieht sich gern in niedrige Lautstärkenbereiche zurück und leistet Überraschungseffekten Vorschub: Ist das wirklich die schwerblütige A-Dur-Sonate von César Franck? Sie geht hier öfter ihrer Rufzeichen verlustig, manch ein wuchtiger Ausbruch erschlankt zur federfeinen Träumerei. Trifonov scheint alles leicht zu sein, auch das fingerbrecherische Trio von Tschaikowski in a-Moll. Sanft lächelnd und spielend, wickelt er die 50 Virtuosenminuten ab, während Capuçon neue Ausdrucksgipfel erklimmt und Kammer-Doyen Clemens Hagen am Cello Virtuosität mit tiefer Empfindsamkeit mengt. Ein fordernder, aber auch sehr lohnender Abend mit Standing Ovations.




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Dokument erstellt am 2018-08-12 16:53:31



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