Extrem-Dirigent Teodor Currentzis. - © Salzburger Festspiele/M. Borelli
Extrem-Dirigent Teodor Currentzis. - © Salzburger Festspiele/M. Borelli

Teodor Currentzis ist nicht zuletzt deshalb Senkrechtstarter in der Szene, weil der Außenseiter mit seinen Ensembles "musicAeterna" (im Grundstock nach wie vor von der Oper im sibirischen Perm) das Unorthodoxe zum Markenzeichen erklärt hat. Keine Currentzis-Interpretation, die nicht Potenzial zum Polarisieren in sich trüge.

Bei den Salzburger Festspielen ist ihm heuer ein Beethoven-Zyklus anvertraut. Losgeknallt wurde mit der "Neunten" am Mittwoch in der Felsenreitschule - und das Publikum huldigte Currentzis und den Seinen mit Enthusiasmus. Das hatte sehr zu tun mit dem Finalsatz, aber nicht nur deshalb, weil’s am Ende laut war. Zu den Currentzis-Extremen gehört nämlich auch das Radikal-Pianissimo. Da konkurrieren plötzlich die Streicher, wenn sie das Thema im Fugato exponieren, mit dem kaum wahrnehmbaren Hauch der Klimaanlage. Von diesem Pianissimo weg entwickelt Currentzis seine Dramaturgie. Er erzielt mit dem achtzigköpfigen Chor (musicAeterna und Salzburger Bachchor) rezitativische Anmutungen auch im berüchtigten Beethoven-Forte, wo sonst meist schon ums Überleben geschrien wird.

Das Bass-Rezitativ ward jedenfalls beim Wort genommen: Nicht diese Töne, lasst uns angenehmere anstimmen! Zuvor nämlich war’s oft richtig unangenehm im martialischen Tohuwabohu, bei dem die Holzbläser mit ihren Originalinstrumenten im ersten Satz schon mal schauen mussten, wo sie all ihre Töne unterbringen sollten. Und ihr akustischer Überlebenskampf gegen die Pauke im zweiten Satz? Auch mehr Hitchcock als Beethoven. Was technisch da alles danebenging, war ungefähr so sagenhaft wie das, was ein- und nachdrücklich originell ausgeformt wurde. Würde man eine Strichliste geführt haben über faszinierende Ideen und handwerkliche Bruchlandungen, wären die beiden Spalten vermutlich gleich lang. Grenzgenial eben, sei’s dies- oder jenseits welcher Grenze auch immer.