• vom 17.08.2018, 17:01 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 17.08.2018, 17:32 Uhr

Opernkritik

Zwei Kübel Königsfleisch




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Von Christoph Irrgeher

  • Ein schauriges, großes Festspiel-Finale: "The Bassarids" in Salzburg.

Blutiges Ende: Agaue (Tanja Ariane Baumgartner) hat ihren Sohn ermordet. - © Salzburger Festspiele/Uhlig

Blutiges Ende: Agaue (Tanja Ariane Baumgartner) hat ihren Sohn ermordet. © Salzburger Festspiele/Uhlig

"Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang", hat Rainer Maria Rilke einmal geschrieben. Er hat das zwar in Bezug auf Engel gedichtet. Der Satz lässt sich aber auch auf den Gott Dionysos münzen. Man darf sich diesen Patron des Rausches nicht als gemütliches Pendant zur Wiener Reblaus vorstellen. Dionysos’ Feste sind gemeingefährlich: Die Ekstase lässt die Kruste der Zivilisation reißen - und wirft den Menschen zurück auf seinen animalischen Kern.

Hans Werner Henzes Oper "Die Bassariden" (basierend auf Euripides’ "Bakchen") setzt dem Orgienmeister ein dunkles Denkmal: Dionysos nützt seine Kraft hier als Vergeltungswaffe. Die Mächtigen von Theben halten ihn, den Gott, für ein Ammenmärchen, nennen seine Mutter eine Lügnerin; sie glauben nicht, dass Zeus persönlich vom Olymp herabstieg, die Thebenerin Semele geschwängert hat und diese dann an einer göttlichen Intrige starb. Doch die Geschichte ist wahr, und Dionysos wird es blutig beweisen. Schon bald wird er Theben in einen Strudel der Wolllust und Vernichtung reißen und auch König Pentheus töten. Mit dessen Mutter hat er noch ein Hühnchen zu rupfen: Sie war die Schwester von Semele - und dieser nicht wohl gesinnt.

Information

Oper

The Bassarids

Salzburger Felsenreitschule

Weitere Termine bis 26. August

Der Muttibub muss sterben

1966 sind Henzes "Bassariden" bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt worden - nun sind sie dorthin zurückgekehrt. Veraltet wirkt die Gräuelgeschichte nicht. Die Angst vor irrationalen Kräften, die die Säulen der Zivilisation fällen, lebt weiter - und ist noch größer geworden angesichts der Populisten, die den Volkszorn im "postfaktischen" Zeitalter anheizen.

Es wäre somit ein Leichtes gewesen, diese Salzburg-Premiere (nun mit dem englischen Original-Libretto und dem Titel "The Bassarids") auf Politik zu trimmen und eine Art Donald Dionysos auf Theben loszulassen. Ein Glück, dass Krzysztof Warlikowski es nicht getan hat: Ein dicker Moralzeigefinger weist oft an entscheidenden Qualitäten eines Werks vorbei. Warlikowski ist um eine seelische Deutung bemüht. Małgorzata Szcześniak hat ihm die Breitwandbühne der Felsenreitschule mit drei Räumen vollgestellt. Ganz rechts: Ein Schlafzimmer, in dem Pentheus zu Beginn ein Luftbussi seiner Mama zufliegt. Er scheint ein rechter Muttibub zu sein, außerdem besitzt er ein zugeknöpftes Gemüt: Am liebsten trägt er eine dicke Daunenjacke.

Auch sie kann diesen Verstandesmenschen aber nicht vor den Nachstellungen des Gottes schützen. Schon bald geistert dieser durch den Salon. Seine Zauberstimme lässt erste Blüten des Dionysos-Kults sprießen. Die Mänaden, seine weiblichen Fans, singen Loblieder und tragen das Haar streng geknöpft nach Manier des Bunds Deutscher Mädel. Zwar werden sie weggeräumt von Pentheus’ Prügelpolizei. Der Flächenbrand ist aber nicht aufzuhalten: Teiresias putzt sich als Glitzertunte heraus, Königsmutter Agaue und ihre Schwester Autonoe legen Luderkleider an; alle drei führen sie Lustsklaven an der Leine. Vermutlich eine Anspielung auf Pier Paolo Pasolinis "Die 120 Tage von Sodom": Ein faschistischer Sexkult missbraucht in diesem Schockfilm junge Opfer. Warlikowski hat seinen Verweis aber in viel dämpfende Watte gepackt - so viel, dass die Szene fast wieder ins Harmlos-Lächerliche kippt.

Am Ende lotet die Regie aber doch tief in die Niederungen der Triebe: Eine Nackttänzerin zuckt, zappelt und zerreibt sich förmlich die Scham im Kreis von Verzückten, Agaue enthauptet dazu in Trance ihren Sohn. Dann trägt sie den Kopf am Bauch, als wär’s ein Embryo. Ein Soldat bringt, was die Mänaden vom Rumpf übrig ließen: zwei Kübel Königsfleisch.

Die Vernichtung kommt süß

Es braucht solche Drastik, um mit der Musik annähernd Schritt zu halten - einem monströsen Monument der Raserei. Chorblöcke dröhnen, Schlagwerke rumoren, Streicherlinien spannen sich durch ein Cinemascope-breites Klangbild. Erstaunlich freilich: Diese Intensität gründet - trotz aller Dissonanz und Fahrigkeit - auf einer süffigen Orchestrierung. Was für ein Ohrenschmaus Hans Werner Henzes Blutbad sein kann, das exerzieren Kent Nagano und die dafür prädestinierten Wiener Philharmoniker mustergültig vor.

Überhaupt eine Modellaufführung mit goldrichtigen Sängern: Sean Panikkar besitzt die Honigtöne für den Dionysos, Russell Braun verleiht dem König verzweifelte Inbrunst, Tanja Ariane Baumgartner der Agaue tragische Größe. Jubel zuletzt auch für die Großleistungen von Nikolai Schukoff (Teiresias), Vera-Lotte Böcker (Autonoe) und die ätherische bis wuchtige Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor: ein grandioser Abschluss für den Salzburger Premierenreigen und die würdige Wiederkehr eines Meisterwerks.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-17 17:11:38
Letzte Änderung am 2018-08-17 17:32:03



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