Eine gesellschaftliche Entwicklung ist jedoch dabei, dieses - von Vätern und Müttern meist streng beaufsichtigte - Versuchslabor zum Verschwinden zu bringen: die eigene Sandkiste im Reihenhaus oder auf der elterlichen Dachterrasse. Die motorischen Vorzüge des Sandspiels erlebt das Kind hier freilich auch, doch die mindestens genauso wichtige Schule des Sozialen fällt weg. In Zeiten von Erziehungsmodellen, die den Willen des Kindes ganz ins Zentrum rücken, keine unproblematische Entwicklung. Die Grenzen der eigenen Mächtigkeit erst viel später zu erfahren, ist meist wenig förderlich für die Heranreifung eines ausgewogenen Charakters.

Charakterliche Typologien zeigen sich jedoch auch schon im Umgang mit dem Material selbst. Auf der einen Seite die Kinder, denen schon ein einzelnes Sandkorn auf der Hand die Tränen der Verzweiflung in die Augen treibt, die es hassen, sich die schmutzig zu machen. Für sie ist der Ausflug in die Körnerwelt eher Qual als Lust. Auf der anderen Seite die Sandesser. Ihnen kann es nicht gatschig genug sein. Die sandige Hand im Mund schlecken sie eher ab, als nach Wasser zu rufen. Die Palette zwischen panischem Schmutzphobiker und lustvollem Sandgenießer ist freilich eine breite. Als Vorbote für spätere Verhaltensweisen taugen sie alle.

Wo Kinder noch so richtig schmutzig sein dürfen

Sandkisten sind die letzten Oasen der Stadt, wo Kinder noch richtig schmutzig sein dürfen - mit idealerweise kontrolliert sauberem Schmutz. Sand in öffentlichen Spielplätzen unterliegt strengen Auflagen, regelmäßiger Tausch inbegriffen. Dass sich dennoch nicht ganz so sauberer Schmutz zwischen den gelben Körnern versteckt - von Hundekot über Präservative bis zu Glasscherben - ist leider dennoch eine Tatsache. Die seit den 1980er Jahren von Stadtplanern heiß geliebten Kombination von Sandkiste und Wasserspielplatz erweist sich aber auch ganz ohne Müll als das wahr gewordene Horrorszenario für manche Eltern. Und hat schon einige vor das unlösbare Problem gestellt, dass der Schlauch der Dusche meist nicht bis vor die Haustüre reicht, um die lästigen Spuren aus Kleidung, Schuhen und Haaren zu entfernen, bevor sie gründlich in der ganzen Wohnung verteilt sind.

Das Verhalten rund um die Sandkiste sagt mindestens so viel über die Eltern aus wie über die spielenden Kinder. Auch hier lassen sich Typologien erkennen. Auf der einen Seite die hektisch jedem Sandkorn hinterher hechtende Betreuungsperson mit dem stets griffbereiten Feuchttuch. Die Abwehrkräfte sollen die Biogurken stärken. Sie sind die unehrliche Variante all jener, die den Kindern gleich verbieten, im Sand zu spielen. Mach dich nicht schmutzig, wir müssen noch zur Oma!

Dann gibt es auch hier die viel gescholtenen Helikoptereltern, die - zumindest noch mit dem ersten Kind - in der Sandkiste sitzen und nicht nur aufgeregt jede Bewegung des Kindes beobachten, sondern ihm auch vorsorglich jeden Konflikt schlichten. Im Gegensatz dazu sitzen die routinierten Mehrfacheltern in gemütlicher Runde beisammen und lassen die Kinder einfach Kinder sein. Sie greifen nur dann ein, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Dabei stammen nur äußerst selten Kind und Eltern aus der Hygienehysteriker- oder der Gatsch-Fraktion. Jedes Elternteil bekommt auch im Sand genau das Kind, das es für die eigene Entwicklung braucht.

Auch Entwicklungspsychologen haben die Sandkiste entdeckt. Aus diagnostischer Sicht raten sie dem pädagogischen Fachpersonal jedoch dazu, nicht nur zu beobachten, was die Kinder in der Sandkiste so spielen und wie sie sich dabei verhalten, sondern vor allem darauf zu achten, wer nicht im Sand spielt. Das erzählt auch eine Geschichte. Über die Kinder - und deren Eltern.