Sein tschechischer Widerpart, Vaclav Klaus, konnte das gut verstehen. Dieser wollte sich nicht die nächsten Jahre mit dem rabiaten Amateurboxer aus Bratislava herumärgern. Also traf man einander ganz friedlich in der legendären Brünner Villa Tugendhat, um die Formalitäten zu regeln. Noch heute wird Besuchern stolz der Baum gezeigt, wo die beiden Politiker, auf einer Picknick-Decke sitzend, verhandelt haben.

Das Resultat kann sich sehen lassen: Die Sympathie zwischen den beiden Nationen ist seit der Trennung nicht kleiner, sondern größer geworden. Früher auch im Alltag spürbare Rivalitäten beschränken sich heute auf Länderspiele im Eishockey. Werden Tschechen und Slowaken gefragt, mit welcher anderen Nation sie sich am meisten verwandt fühlen und welche ihnen am sympathischsten ist, nennen beide ohne Zögern zuallererst die einstige Geschwisternation. Und es ist Ehrensache für ein neu gewähltes Staatsoberhaupt, zuerst die ehemalige Brudernation zu besuchen.

Überraschung!

Eine andere Möglichkeit der Trennung ist der Zerfall einer alten Struktur, eines Staates, der sich überlebt hat. Beispiele dafür gibt es zur Genüge, wenn man etwa an die entscheidenden Jahre 1917 und 1918 denkt.

Damals implodierte zuerst das Russische Kaiserreich, dann das Habsburger- und das Osmanische Reich. Der Krieg hatte die Monarchien delegitimiert, die alten, aus dem Mittelalter stammenden Ideen von Kaiser und Reich hatten an Schwung und Bindekraft eingebüßt.

Die Rede war vom Ende der alten "Völkerkerker", und erhofft wurde das Heil vom jungen, dynamischen Nationalstaat. Jedes Volk auf dem Territorium der alten Kaiserreiche strebte nun nach Freiheit und Selbstbestimmung im Rahmen des eigenen Staates. Das 14-Punkte-Programm des US-Präsidenten Woodrow Wilson befeuerte diese Gedanken.

Meist erwies sich das als Illusion - im gemischtethnischen Osteuropa war, anders als in Westeuropa, kein einheitlicher Ethno-Staat möglich. Was entstand, waren oft als Nationalstaaten konzipierte Mini-Reiche wie etwa die Tschechoslowakei oder Jugoslawien, die eine tschechoslowakische oder jugoslawische Nation erst konstruieren mussten, um im neuen Gebilde die Fiktion einer staatstragenden Mehrheitsnation aufrechtzuerhalten.

Das russische Zarenreich wurde freilich nicht von einem Nationalstaat beerbt, sondern - nach einem blutigen Bürgerkrieg - von der kommunistischen Sowjetunion. Diese war streng genommen ebenfalls ein übernationales Reich, wurde aber nicht wie die alten Reiche durch die "vertikale" gemeinsame Bindung zum Herrscher zusammengehalten, sondern durch die "brüderliche" Ideologie des Kommunismus, die ein neues Zeitalter der Völkerverständigung, des Friedens und des Glücks versprach - nach der Ausrottung all jener Menschen, die der "Diktatur des Proletariats" ablehnend gegenüberstanden. Oder von denen angenommen wurde, dass sie das täten.

Der Sowjetkommunismus eroberte weite Teile der alten Gebiete des Russischen Reiches zurück, setzte dabei oft brutale Gewalt ein - etwa in Georgien - und förderte in den 1920er Jahren kurzzeitig die Entwicklung nationaler Sprachen und Kulturen, etwa in der Ukraine. Letztlich entwickelte sich die UdSSR aber doch bald zu einem "großrussischen" Imperium alten Stils, das noch dazu wirtschaftlich stagnierte - der Zerfall war programmiert, als sich mit der Reformpolitik von KP-Generalsekretär Michail Gorbatschow für die nach Freiheit lechzenden Einzelrepubliken ein Zeitfenster öffnete.