Wien. "Wenn ich mein steifes Bein im Spiegel betrachte, dann sehe ich den kleinen Jungen, wie er ,behindert gespielt‘ hat, vor mir, als wäre es gestern gewesen. (...) Meine Normalität weicht ab vom Mehrheitskonsens, nichtsdestotrotz ist es auch eine Art Normalität, die allerdings erst durch einen medizinischen Eingriff hergestellt wurde. Und wenn ich vor meinem geistigen Auge den kleinen Jungen von damals vor mir sehe, dann habe ich das Gefühl, hier ist eine Vorhersehung wahr geworden."

Die Diagnose einer bleibenden Behinderung ist für die meisten Menschen ein Schicksalsschlag. Von einem Körperteil oder einer Fertigkeit bzw. Fähigkeit getrennt zu werden, wird zur schmerzvollen Erfahrung. Doch dann gibt es Menschen, die eigene Körperteile nicht als die ihrigen sehen und sich von diesen lösen wollen. Die Fachwelt spricht von "Body Integrity Identity Disorder" (BIID). Amputation oder Lähmung ist der daraus resultierende Wunsch, der sich häufig schon, wie das Beispiel zeigt, in der Kindheit manifestiert.

Prägende Kindheit

Man sollte denken, dass jemand, der sich solch eine Behinderung selbst zufügen will, geisteskrank ist. Doch konnte bei Betroffenen bisher keine psychiatrische Störung diagnostiziert werden, schildert der deutsche Psychologe Erich Kasten. Im Gegensatz zu Menschen mit solchen Störungen würden BIID-Betroffene jahrelang mit dem Wunsch hadern und das Für und Wider abwägen. Diese Unstimmigkeit mit dem eigenen Körper führe häufig zu Depressionen.

Experten schätzen, dass es alleine im deutschsprachigen Raum mindestens eine dreistellige Zahl an Betroffenen gibt. Weltweit könnten mehrere Tausend darunter leiden. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, denn viele Betroffene schweigen. Auch seien Vorstufen der Erkrankung wahrscheinlich. Die Symptomatik beginne schon sehr früh. "Fast alle Patienten berichten von Schlüsselerlebnissen. Statt entsetzt zu sein, hatten sie schon als Kinder Menschen mit sichtbaren Behinderungen bewundert und danach den Wunsch entwickelt, selbst behindert sein zu wollen", beschreibt Kasten. BIID-Betroffene wollen ihr Körperbild mit der Realität in Einklang bringen, handeln allerdings nicht, um aus der Behinderung Vorteile zu ziehen, so der Experte.

Körpermodifikationen

Im Jahr 1977 war die Störung zunächst als "Apotemnophilia", später als "Amputee Identity Disorder" bezeichnet worden. 2005 reihte der US-Psychiater Michael First das Syndrom unter die Identitätsstörungen. Seither spricht man von "Body Integrity Identity Disorder". Wie BIID entsteht, ist nicht geklärt. Es existieren sowohl neurologische als auch psychologische Erklärungsmodelle.