Wien. Harmonische Beziehungen sind, jedenfalls wenn es um politische Partnerschaften geht, die rare Ausnahme von der Regel. Kein Wunder, dass Koalitionen von Koalitionären oft und häufig als Partnerschaften auf Zeit umschrieben werden. Alle Seiten wissen, dass Dankbarkeit und Treue keine politischen Kategorien sind und sich, wenn es darauf ankommt, jeder selbst der Nächste ist.

Kein Wunder also, dass, kaum hängt der koalitionäre Haussegen in der türkis-blauen Bundesregierung erstmals schief, bereits Wahrscheinlichkeitsrechnungen über eine Trennung vor der Zeit angestellt werden. Noch freilich vor allem von den Gegnern der Koalition, allen voran der Opposition, die sich bei einem Bruch ein neues Spiel und damit verbunden ein besseres Blatt erhofft.

Aber die Geschichte der Koalitionsscheidungen in Österreich ist lang und abenteuerlich genug, dass auch die Partner selbst wissen: Wenn der Druck kombiniert mit den Erfolgsaussichten für eine Seite groß genug ist, ist eine schnelle Scheidung jederzeit ein realistisches Szenario.

Im Folgenden ein kurzer zeithistorischer Rückblick auf die Geschichte der eigennützigen Koalitionsscheidungen der Zweiten Republik.

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis (die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen). Die Jahreszahlen 1986, 1995, 2002, 2008 und 2017 sind der Beweis für diese politische Wahrheit. An diesen Wegmarken der Zeitgeschichte hat jedes Mal eine Regierungspartei ihrem Partner auf Zeit die Trennungspapiere zugestellt. Kein Wunder, dass sich also manche fragen, ob 2019 nicht schon die nächste Scheidung droht. Die Geschichte lehrt: Alles, was es dazu braucht, sind eine Krise, günstige Umfragewerte und der Mut, eine solche Entscheidung auch herbeizuführen.

Wie wir alle unterliegen aber auch Koalitionen dem Wandel der Zeit. Am Beginn der Zweiten Republik, nach den schrecklichen Ereignissen des Naziterrors, des Krieges, der Verfolgung war es daher nur natürlich, dass mit einer provisorischen Konzentrationsregierung begonnen wurde, in der alle Kräfte - SPÖ, ÖVP, KPÖ - unter Führung der SPÖ vertreten waren. Aber schon bei der ersten Nationalratswahl im November 1945 erreichte die ÖVP eine absolute Mandatsmehrheit. Dennoch fand man sich weiterhin in einer Konzentrationsregierung zusammen, nur eben jetzt mit der ÖVP als Kanzlerpartei: Leopold Figl übernahm nun vom Sozialdemokraten Karl Renner, der noch von den Alliierten als Kanzler bestätigt wurde, den Kanzlersessel.

Diese Allparteienregierung war mit dem Wiederaufbau des Staates, der Institutionen, der Versorgung der Bevölkerung beschäftigt; bereits 1947 zog sich die KPÖ aus der Regierung zurück, womit die erste große Koalition geschaffen war, die bis 1966 Bestand hatte. Insgesamt regierten ÖVP und SPÖ bisher 44 von 74 Jahren die Geschicke der Republik gemeinsam.