Und weil wir uns so sehr in und mit der Zeit bewegen, sind für uns heute Zeiten einer Alleinregierung gar nicht mehr vorstellbar. Jedenfalls nicht auf Bundesebene. Absolute Mehrheiten sind hier mit der Herausbildung immer mehr kleiner Parteien seit den 1980er Jahren auf Bundesebene vorbei. Bruno Kreisky (SPÖ) führte in Österreich von 1970 bis 1983 eine Alleinregierung der SPÖ in Österreich an. Zuvor gab es eine solche in der Zweiten Republik nur noch von 1966 bis 1970 unter der Führung von Josef Klaus (ÖVP).

1983 - das Ende
der Alleinregierungen

Seit 1983 ist die Zeit der Alleinherrschaft vorbei, seither gilt: coalitio, also der Zusammenschluss. Aber der Weg zu einer solchen Zweckgemeinschaft ist nicht vorgezeichnet. Zahlreiche Verhandlungen und Abgleichungen der unterschiedlichen Wahlprogramme führen schließlich erst zu einem kohärenten Regierungsprogramm, in dem sich jede Partei wiederfinden muss.

Den Eintritt in die politische Moderne der egozentrischen Politbeziehungen auf Zeit erlebte das Land 1986. Damals wurde die Kanzlerpartei SPÖ, die seit 1983 in einer kleinen Koalition mit der FPÖ regierte, von einer Serie schwerer Erschütterungen erfasst, in deren Zuge der rote Hoffnungsträger Franz Vranitzky vom Finanzminister zum Regierungschef befördert wurde. Als ein gewisser Jörg Haider im April 1986 bei einem turbulenten Parteitag in Innsbruck die damalige FPÖ-Führung um Norbert Steger stürzte, nutzte Vranitzky die Gunst der Stunde und erklärte die Koalition für beendet.

Ab 1986 also war die ÖVP wieder eingebunden,

Rot-Schwarz regierte bis Ende 1999 - nicht friktionsfrei und häufig gestört durch ÖVP-interne Scharmützel.

Wenn bei Regierungsstreitigkeiten in einer Koalition häufig die Metapher eines Ehestreits bemüht wird, dann kommt das nicht von ungefähr. Denn so eine Koalitionsvereinbarung ist nichts anderes als eine Übereinkunft zu gemeinschaftlichen Entscheidungen - wenngleich diese Partnerschaft nicht den Anspruch auf Ewigkeit hat.

Und die tägliche Zusammenarbeit ist geprägt durch taktische Manöver, Austricksversuche, Überrumpelungen, aber auch Annäherungen, Beschwichtigungen und Kompromisse. In funktionierenden Gemeinschaften wechseln sich die Partner bei den kleinen Siegen ab. Gehen die Auseinandersetzungen aber stets zu Lasten ein und derselben Seite, wird der Bund brüchig und Trennungstendenzen machen sich breit.

Je geringer die Aussicht auf künftiges Mitregieren, desto geringer der Ausbruchsdrang. Je höher die Aussicht auf Machtgewinn und Erfolg, desto stärker ist die Lust auf Veränderung. Daher gehen in einer Regierung Absetzbewegungen häufig mit positiven Umfragewerten konform.

Die vorgezogene Nationalratswahl von 1995 - nur 14 Monate nach der vorangegangenen - ist dafür ein Beispiel. In der ÖVP hatte Wolfgang Schüssel gerade erst Erhard Busek als Vizekanzler abgelöst, Franz Vranitzky war bereits seit fast zehn Jahren Kanzler und zeigte Abnützungserscheinungen. Schüssel sah eine Chance, die ÖVP zum ersten Mal seit 1970 wieder an die erste Stelle zu hieven, und strebte Neuwahlen an - mit dem Ergebnis, dass die SPÖ zulegte und die ÖVP wieder mit der Rolle als Juniorpartner vorliebnehmen musste. 1999 gelang schließlich der Coup: Wolfgang Schüssel einigte sich als Wahldritter mit dem Wahlzweiten FPÖ, Jörg Haider, auf Schwarz-Blau I.