Viktor Klima war in den Koalitionsverhandlungen ausmanövriert worden - er stand sichtlich unter Schock. Nach nächtelangem Ringen mit der ÖVP bot Klima ein völlig zerstörtes Bild von sich. Diese auch körperlich aufreibenden Verhandlungen haben gezeigt, wie sehr sich Sozialdemokraten und Volkspartei schon voneinander entfernt hatten. Die Gespräche waren von Misstrauen gekennzeichnet - eine schlechte Basis dafür, gemeinsam das Land zu regieren.

Der Juniorpartner
hat ein schweres Los

Die SPÖ wollte nicht glauben, dass die ÖVP sich mit dem von ihr 1986 geschassten Partner zusammentat. Vranitzky hatte die Koalition mit der FPÖ nach der Machtübernahme bei den Freiheitlichen durch Jörg Haider beendet, weil er diesen nicht für regierungsfähig hielt. Aus dieser Zeit stammt auch die sogenannte Vranitzky-Doktrin: Keine Zusammenarbeit mit einer (Haider-)FPÖ auf Bundesebene.

Das Weltbild der beiden damaligen Volksparteien nach dem Zweiten Weltkrieg war noch viel stärker ideologisch geprägt, tiefe Gräben in der Gesellschaftspolitik waren sichtbar, dennoch zwangen die Umstände zum gemeinsamen Regieren. Das Wesen der folgenden großen Koalitionen zeichnete sich durch starke gegenseitige Ressentiments aus. Diese Abneigung war schon in der Körpersprache der
jeweiligen Proponenten sichtbar.

Aber es gab keinen Ausweg, denn eine dritte Kraft von entscheidender
Stärke kam erst mit dem Auftreten Haiders auf. Was aber Haider groß gemacht hatte, das machte er auch wieder klein. Denn kaum fanden sich die Blauen ab 2000 in der Regierung, begann der Kampf innerhalb der Partei zu toben. Haider sah, dass die FPÖ von der ÖVP in der Regierung überrannt wurde, und machte Oppositionspolitik gegen sein eigenes Geschöpf. Die Folge war Knittelfeld und die Spaltung der Partei in die FPÖ und das BZÖ. Bereits zuvor gab es eine Abspaltung von der FPÖ: das Liberale Forum, das Heide Schmidt gegründet hat, weil sie das "Ausländer raus"-Volksbegehren Haiders nicht mittragen wollte.

In der FPÖ wurden Parteifreunde zu den ärgsten Feinden. Konrad Adenauers Spruch "Freund - Feind - Parteifreund" findet hier seine perfekte Umsetzung. Jörg Haider und Heinz-Christian Strache wurden zu größeren Gegnern, als es Menschen aus den entgegengesetzten Lagern je sein konnten. Angeblich kam es kurz vor Haiders Tod zu einer Aussöhnung.

Aber auch in der ÖVP wurde diesem Adenauer-Spruch immer wieder Leben eingehaucht. Das Obmann-Abschießen war über einige Jahre beliebter Sport. Wolfgang Schüssel war einer der wenigen Obleute, die damit am wenigsten konfrontiert waren. Das war dem Umstand geschuldet, dass er der ÖVP die Kanzlerschaft zurückerobert hat. Nach dem Aus von Schwarz-Orange 2006 kam es aber zu einer raschen Abfolge der ÖVP-Chefs: Wilhelm Molterer, Josef Pröll, Michael Spindelegger, Reinhold Mitterlehner.

Mit der Machtübernahme in der ÖVP durch Sebastian Kurz und dem Wahlsieg der von ihm begründeten türkisen Volkspartei ist wieder Ruhe eingekehrt. Die türkis-blaue Koalition, die ja seit mehr als einem Jahr regiert, hat sich bisher durch verordnete und eingehaltene Harmonie ausgezeichnet. Seit allerdings Bundeskanzler Kurz die Beziehungen der FPÖ zum rechten Rand für zu eng befindet, knirscht es im Gebälk. Einsturzgefahr gibt es noch keine. Der Streit um die Identitären, der anhaltende demoskopische Höhenflug der ÖVP unter Sebastian Kurz wären schon einmal als Absprungelemente gegeben, was noch fehlt, ist der Entschluss zur Tat.