Wo operativ viel Herzblut vergossen wird, um zwischen Strophe und Refrain durch Schilderung und Wehklage den Schmerz einerseits zu benennen und ihm gleichzeitig ein Ventil zu verleihen, wird es rezeptionsseitig nicht bei einer einzelnen Träne bleiben . . . - © WZ-Illustration: Irma Tulek
Wo operativ viel Herzblut vergossen wird, um zwischen Strophe und Refrain durch Schilderung und Wehklage den Schmerz einerseits zu benennen und ihm gleichzeitig ein Ventil zu verleihen, wird es rezeptionsseitig nicht bei einer einzelnen Träne bleiben . . . - © WZ-Illustration: Irma Tulek

Im Gegensatz zur abstrakten Malerei oder der Kunst, feuerspuckende Schlangen auf ein Stück Fußballerhaut zu tätowieren, hat Popmusik den Vorteil, unmittelbar auf den Gefühlshaushalt all jener einzuwirken, die ihr ausgesetzt sind. So ein Popsong, in dem gehörig gelitten wird, geht, wenn er richtig gut gemacht ist und auf Grundvoraussetzungen wie, sagen wir, menschliches Einfühlungsvermögen trifft, zwar auch wie eine Tätowiernadel unter die Haut, er stellt dabei - irgendetwas mit Synapsen und Neurotransmittern, das jetzt der Netzdoktor erklären müsste - aber eine direkte Querverbindung zum Herzen her.

Kurz gesagt, wo operativ viel Herzblut vergossen wird, um zwischen Strophe und Refrain durch Schilderung und Wehklage den Schmerz einerseits zu benennen und ihm gleichzeitig ein Ventil zu verleihen, wird es rezeptionsseitig nicht bei einer einzelnen Träne bleiben. Stichwort Entlastungsgerinne, Dammbruch und Sturzflut, vielleicht auch: besoffener Matrose und Mann über Bord!

"Should I stay or should I go?"

Allerdings ist da auch Vorsicht geboten. Immerhin wusste bereits Phil Collins, dass die Leute da draußen Trennungen zwar hassen, Trennungssongs dafür aber lieben würden. Und es ist ja auch wirklich bequemer, jemand anderen im Stellvertretermodus beim Leiden zuzuhören oder von der Bühne herab zu erkennen, dass die Leute dafür sogar freiwillig Geld bezahlen.

Dass sich aus der Erkenntnis von Phil Collins eine regelrechte Industrie entwickelt hat, die zuvorderst auf Kunstblut beruht, kann bei einsamen Autofahrten sehr weit vorbei am "Blue Hotel" von Chris Isaak oder dem "Heartbreak Hotel" von Elvis Presley in der Coverversion von John Cale im Formatradio überprüft werden, wenn dort stattdessen Kommerzschnulzen laufen, die man sich so blutleer vorstellen muss, wie vegane Blunzen schmecken dürften.

Wir aber sprechen vom harten Stoff, vom richtig guten Zeug, wir sprechen davon, was es bedeutet, wenn uns der späte Prince mit einer Langfassung von "Purple Rain" ("It’s such a shame our friendship had to end . . .") im Konzert noch einmal gewaltig Gänsehaut macht, wenn Ian Curtis sich mit einer bittersüßen Hymne wie "Love Will Tear Us Apart" aus dem Leben in Richtung Geschichtsbuch verabschiedet oder der Songwriter Justin Vernon alias Bon Iver aus der Isolation einer Holzhütte in der amerikanischen Pampa mit einem Album wie "For Emma, Forever Ago" zurückkommt, um unsere Augen unter Wasser zu setzen.