Die junge Königin Elisabeth (Joely Richardson) und der ebenso junge Edward de Vere (Jamie Campbell Bower) in einer Szene des Films "Anonymus". - © Foto: Sony Pictures
Die junge Königin Elisabeth (Joely Richardson) und der ebenso junge Edward de Vere (Jamie Campbell Bower) in einer Szene des Films "Anonymus". - © Foto: Sony Pictures

Nun ist die Katze aus dem Sack - nämlich Roland Emmerichs lang angekündigter, dann verschobener und jetzt - gleichzeitig in Amerika und bei uns - schließlich doch in den Kinos startender Film "Anonymus". In Emmerichs bisherigen Filmen ging meistens gleich die ganze Welt unter. Offenbar wurde er der Weltuntergänge ein wenig überdrüssig, und er schaute sich in der Vergangenheit nach einem lohnenden Sujet um.

Ein altes Rätsel

Mit dem Haupt- und Staatskrimi um die Thronfolge der Königin Elisabeth I. von England haben sein Drehbuchautor John Orloff und er eine gute Wahl getroffen: Denn darin eingeschrieben ist ein zweiter, ein literaturhistorischer Krimi oder vielmehr eine jahrhundertealte Rätselaufgabe, nämlich die seit langem diskutierte Frage, wer sich hinter dem Autorennamen "William Shakespeare" tatsächlich verbirgt. Emmerichs "Anonymus" wird zwar die Welt nicht zum Untergehen bringen, nicht einmal die kleine Insel der Literaturprofessoren, doch die sogenannte "Autorschaftsdebatte" wird erheblich weitere Kreise ziehen als bisher, und einige Wellen werden an die Ufer der Literatur-Insel schlagen.

Die Biografie des größten Dramatikers der Weltliteratur birgt nämlich unter der unscheinbaren Oberfläche ein fundamentales Problem. Der Schriftsteller Friedrich Bodenstedt hat es im Vorwort zu "seiner" Shakespeare-Ausgabe 1872 so umrissen: "Fast alle Schriften über Shakespeare beginnen mit der Klage, dass die Quellen zu einer Lebensgeschichte des Dichters ebenso trübe wie spärlich fließen. [. . . ] Sicher ist, dass was wir über ihn wissen, in keinem erklärenden Zusammenhange mit seiner Größe steht und zum Verständniß seiner Dichtungen nichts beiträgt."

Des Dichters zweitgrößte Leistung, nach seinem Werk, bestand offenbar darin, dieses in die Welt zu setzen, ohne die geringste Spur auf Erden zu hinterlassen. Keine natürliche Person hat zu der Zeit, als "Hamlet", "King Lear" und 34 weitere Theaterstücke entstanden, einige davon gedruckt und viele aufgeführt wurden, Anspruch darauf erhoben, deren Urheber zu sein. Einen Schriftsteller "William Shakespeare" gibt es im Londoner Leben um 1600 immer nur auf dem Papier - wenn überhaupt.

Und allem, was wir über das Leben des Mr. Shaksper aus Stratford wissen, fehlt die Beziehung zu dem Werk, das wir kennen und lieben. Daraus entstand erst der Verdacht, er habe nicht mehr als seinen Namen für die Titelseiten von Shakespeares Werken hergegeben. Er schrieb (sofern er überhaupt schreiben konnte, - auch das ist strittig) sich selber Shaksper oder ähnlich, nie Shakespeare.

Die spärlichen Fakten, die von der größten konzertierten Suchaktion der Literaturgeschichte ans Licht geholt worden sind, haben eines gemeinsam: Sie haben mit Literatur nichts zu tun. Und abgesehen von einer zwischen den Zeilen des Testaments eingeflickten Erwähnung seiner "fellows", das heißt Mitteilhaber am Globe Theatre, Hemings, Burbage und Condell, denen er je 26 Schilling 8 Pence vermacht, fehlt in der Biografie des William Shaksper das, was doch sein Lebenselixier gewesen sein muss: das Theater.

Dieses berühmte Shakespeare-Porträt ist mit 1609 datiert, wird aber heute von britischen Kunsthistorikern für eine Fälschung aus dem 19. Jahrhundert gehalten. - © Foto: epa/ National Portrait Gallery
Dieses berühmte Shakespeare-Porträt ist mit 1609 datiert, wird aber heute von britischen Kunsthistorikern für eine Fälschung aus dem 19. Jahrhundert gehalten. - © Foto: epa/ National Portrait Gallery

Absonderlichkeiten

In London, wo er als Literat und Theatermann seinen Lebensmittelpunkt gehabt haben müsste, betritt er die Bühne gewissermaßen nur, indem er fehlt: Steuerbehörden vermerken ihn als nicht auffindbar, und beim Perückenmacher Mountjoy wohnt er 1604 nur vorübergehend. Es wirkt, als sei es sein vordringliches Ziel gewesen, New Place, das Haus in Stratford, zu kaufen und sich dorthin sobald als nur möglich zurückzuziehen.

Dass ein erfolgreicher Dramatiker sich in der Blüte der Jahre aufs Land zurückzieht und verstummt, dass er nicht einmal mehr einen Brief schreibt oder erhält, ist nicht völlig undenkbar, zählt aber zu einer langen Reihe von Absonderlichkeiten, die sich in anderen literarischen Biografien nur einzeln, nie so massenhaft finden.

Zur gleichen Zeit, als Shaksper in Stratford Schulden eintreibt und Grundstücke kauft, ist William Shakespeare in London einer der erfolgreichsten Autoren. Sein Gedicht "Venus und Adonis" erlebt zehn Auflagen, die "Lukrezia" fünf. Seine Stücke, zuvor schon gespielt und teilweise anonym oder unter den Initialen W. S. gedruckt, beginnen ab 1598 in rascher Folge unter dem Namen "William Shake-speare", dann ohne Bindestrich unter "Shakespeare" zu erscheinen. Diese Folge reißt schon 1604 wieder ab, und die Hälfte des uvres bleibt bis zur Folioausgabe von 1623 ungedruckt. Wenn uns also von "Othello" (erstmals gedruckt 1622, knapp vor der Folio) gesagt wird, es sei 1608 "entstanden", so ist das pure Vermutung. Über die Entstehungszeit von Shakespeares Stücken wissen wir buchstäblich nichts.

Roland Emmerich, der Regisseur von "Anonymus". - © Foto: epa/ Arne Dedert.
Roland Emmerich, der Regisseur von "Anonymus". - © Foto: epa/ Arne Dedert.

"Schwan vom Avon"

Von der Seite des Dichters sieht die Sache, seitenverkehrt, genau gleich aus: wir finden Zeugnisse über den Autor William Shakespeare, denen jeder Bezug zu dem Mann aus Stratford fehlt. Ein solcher taucht erst posthum, in den Einleitungs-Texten zur Gesamtausgabe auf, wo von ihm als dem "süßen Schwan vom Avon" und von "deinem Stratforder Denkmal" die Rede ist. Diese zwei Wendungen sind das ganze Fundament, auf dem die üblicherweise akzeptierte Shakespeare-Geschichte ruht.