Was haben Richard Wagner, Charles Dickens und Agatha Christie gemein? - Der Unterschied ist: Von Wagner weiß man’s, seine unsägliche Schrift "Das Judentum in der Musik" ist hinlänglich seziert worden, und manchen gilt der deutsche Komponist gar als Wegbereiter des Nationalsozialismus. Dass Dickens und Christie gleichfalls Antisemiten waren, weiß man hierzulande hingegen nicht. Und den Briten dürfte es weitestgehend gleichgültig sein.

William Shakespeare bediente auch antisemitische Vorurteile: "Shylock und Jessica" (1922) nach Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" von Charles Frederick Lowcock. - © Wikimedia/Hampel
William Shakespeare bediente auch antisemitische Vorurteile: "Shylock und Jessica" (1922) nach Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" von Charles Frederick Lowcock. - © Wikimedia/Hampel

Das Problem stellt sich bei Dickens also erst, wenn er übersetzt wird - zum Beispiel sein Roman "Oliver Twist". Was tun mit der Gestalt des Bob Fagin?

Die Antwort ist simpel: Übersetzen, was der Autor geschrieben hat. Was sonst? Axel Monte sieht das anders. Er legt im Reclam-Verlag eine Übersetzung des "Oliver Twist" vor, die politisch scheinbar korrekt, dafür aber eine inkorrekte Übersetzung ist.

Ja, dieser Fagin: Er ist wirklich eine miese Figur. Hehler und Boss einer Diebesbande ist er. Und er ist Jude. Damit das auch ja niemand überliest, weist Dickens weit über 200 Mal darauf hin. Axel Monte ist darüber so entsetzt, dass er eine intellektuelle Volte schlägt und die Charakterisierung Fagins als Juden völlig weglässt. Sein Argument: Dickens hat ein paar Hinweise auf Fagins Judentum selbst getilgt, und nach Holocaust und Pogromen darf ein Hehler aus dem 19. Jahrhundert eben kein Jude sein.

Übernommene Vorurteile

Dass Dickens ein paar Hinweise auf Fagins Judentum getilgt hat, stimmt - alle jedoch hat der Autor nicht eliminiert. Monte sind die stehengebliebenen Bezeichnungen Fagins als Jude immer noch zu viel, und weil ihm politische Korrektheit über Texttreue geht, dehnt er seine Korrekturen gleich noch auf einen Wirtsburschen und einen Lumpenhändler aus. Solches Werk zu tun, steht einem Übersetzer, auch nach Auschwitz, nicht zu. Wenn ihm ein Text tendenziell gegen den Strich geht, kann er nur eines machen: die Übersetzung verweigern. Den Autor zu korrigieren, ist unzulässig.

Andererseits werfen Montes Dickens-Zurechtrückungen auch ein Licht auf den Autor selbst. War Dickens wirklich Antisemit?

Sicher ist, dass Dickens antisemitische Vorurteile übernommen hat, um Fagin zu charakterisieren. Dabei wirkt sich Dickens Hang aus, Eigenheiten seiner Figuren zu übersteigern, und Fagin ist nicht Dickens’ einzige Gestalt, die einer Karikatur nahekommt.

Dementsprechend ist es unter Literaturwissenschaftern, sofern sie sich überhaupt mit dieser Frage auseinandersetzen, durchaus umstritten, inwiefern Dickens tatsächlich überzeugter Antisemit war. Tatsache ist, dass Dickens seine abmildernden Änderungen in "Oliver Twist" erst vornahm, als er 1860 das jüdische Bankiersehepaar Eliza und James Davis kennenlernte, sich vor allem mit Eliza anfreundete und aus ihrem Mund die Bedenken wegen der Gestalt des Fagin vernehmen musste. Erschienen war der Roman 23 Jahre zuvor, und 1854 hatte die Klage des "Jewish Chronicle", derzufolge "nur die Juden ausgeschlossen vom sympathisierenden Herzen dieses großen Autors und kraftvollen Freundes der Unterdrückten" wären, keine Reaktion Dickens’ hervorgerufen.

Dickens denkt um

Erst der persönliche Kontakt mit dem jüdischen Ehepaar scheint in Dickens ein Umdenken zu bewirken, und er führt in "Oliver Twist", der sich gerade im Neudruck befindet, Änderungen durch. Nicht in den ersten 38 Kapiteln, die bereits gedruckt sind, in ihnen bleibt Fagin sehr nachdrücklich - 257 Mal - "der Jude", aber in den noch ungedruckten 15 tilgt Dickens nahezu jeden Hinweis auf Fagins Judentum, und er wird später in "Our Mutual Friend" ("Unser gemeinsamer Freund") die Gestalt des fast nachdrücklich sympathischen Juden Mr Riah entwerfen.

Dass Dickens, der meistgelesene englische Autor, als solcher aber nur einer unter einigen sehr bekannten englischen Autoren mit durchaus antisemitischer Tendenz in zumindest einem Werk ist, wird dabei oft übersehen. 1594 entwickelt Christopher Marlowe in "The Jew of Malta" ("Der Jude von Malta") in der Gestalt des Barabas ein antisemitisches Zerrbild, dem William Shakespeare 1600 in "The Merchant of Venice" ("Der Kaufmann von Venedig") folgt: Shylock ist eine antisemitische Karikatur, was keine Sophisterei der Welt ungeschehen zu machen vermag, zumal die spitzfindigen Erklärungsversuche ohnedies nur dazu dienen, ein hervorragendes Stück zu retten, das, gäbe man seine Tendenz zu, wohl verloren wäre.

Wird "Der Kaufmann von Venedig" wenigstens breit diskutiert, so liest man in Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray" ("Das Bildnis des Dorian Gray") vielfach über die antisemitische Darstellung des Theaterdirektors Mr. Isaacs als "a hideous Jew" ("ein abscheulicher Jude") und "the horrid old Jew" ("der widerwärtige alte Jude") allzu oft hinweg.

Krimi mit üblen Untertönen

Dass es sich um absichtliches Zitieren antisemitischer Klischees handelt, wie in der ohnedies kaum stattfindenden Diskussion Oscar Wildes Verteidiger glauben machen wollen, ist unwahrscheinlich, denn auch die nicht ironisierte Sympathieträgerin Sibyl Vane findet, "he is not a gentleman" ("er ist kein Gentleman"), was im Zusammenhang das Zerrbild eines Juden ergibt, das von Dickens Fagin nicht weit entfernt ist.

Doch der Antisemitismus in der englischen Literatur bleibt nicht am Beginn des 20. Jahrhunderts stehen. Selbst Krimi-Königin Agatha Christie bedient sich antisemitischer Vorurteile, wenn sie in "Thirteen at Table" ("Dreizehn bei Tisch") das Mordopfer Carlotta Adams als geldgierige Jüdin darstellt, die an ihrer Ermordung selbst schuld ist. Die deutsche Übersetzung lag bezeichnenderweise bereits 1934 vor.

Apropos Agatha Christie: Ihr Roman "Ten Little Niggers" erschien lange - korrekt übersetzt - als "Zehn kleine Negerlein". Auch hier schlug jüngst die politische Korrektheit der Übersetzer zu, die aus dem originalen Kinderlied-Titel "Und dann gab es keine mehr" machte. Die Seltsamkeit besteht in der Behauptung des Verlags, man wäre zum "Originaltitel" zurückgekehrt. In Wahrheit hat man sich nicht des Originaltitels bedient, sondern des Titels der US-Ausgabe, der aufgrund des Respekts vor den afroamerikanischen Bevölkerungsteilen auf "And Then There Were None" geändert worden war.

Weshalb eindeutig antisemitische Texte nach wie vor zum Standardrepertoire der britischen Literatur gehören und keineswegs heftige Diskussionen auslösen, ist indessen schnell erklärt: Die Meinungsfreiheit gilt in Großbritannien als so hohes Gut, dass sie selbst dann respektiert wird, wenn die Meinung vom Grundkonsens abweicht. Und gegen einen NS-freundlichen "Historiker" wie David Irving, der in Großbritannien ungehindert publizieren kann, ist selbst Dickens’ Fagin nur ein harmloser Fehltritt in den Augen einer erst rund 100 Jahre später eingeführten politischen Korrektheit. Es wäre schön, wenn auch Übersetzer dies bedächten.