Die bayerische Biermösl Blosn hat sich aufgelöst. Seit Peymann-Tagen bediente sie im Burgtheater speziellen Publikumsgusto. Auf der Erfolgsschiene wird weitergefahren. Die Tiroler Gruppe Franui zeigt eine Revue mit Shakespeare-Sonetten: "Fool of Love". Franui heißt eine Almwiese in Innervillgraten. Dieses Dorf im österreichischen Herrgottswinkel wurde durch seinen Widerstand gegen die Nazis und seine Wilderertragödien bekannt. Auf der Franui spielte die Combo um Romed Hopfgarnter und Andreas Schrett erstmals in den Neunzigern bei einem Festival. Seit diesem Start in die Neue Volksmusik marschierte die popverliebte Intellektuellen-Banda querab und durcheinander zu Schubert, Brahms, Mahler.

Das Konzert mit dem Leadsänger, Komponisten und Multiinstrumentalisten Karsten Riedel, sechs Mitspielern und prominenten Gästen aus dem Burg-Ensemble saust wie ein Wortrap durch die Ohren. Mit der Zugkraft des Namens Shakespeare am Plakat halten die Instrumentierungen mit, nicht der Gesang. Wäre auch jedes gesungene Wort des englischen Originals verstehbar - der Textsinn käme nicht verlässlich an, denn das vielschichtige, vieldeutige Tschinderassa-Synkret übertönt das Wort.

Ohne erkennbare Ordnung

Generationen von Dichtern und Philologen - so Stefan George, Karl Kraus, Richard Flatter, Erich Fried, Reinhard Priessnitz - öffneten Zugänge zu der formal strengen Gedichtfolge. Ihre Fülle an Bildern und Metaphern in der Petrarca-Tradition - von der emsigen Wissenschaft längst ausgezählt - mit 62 Prozent Neuerfindungen, erschließt sich selbst beim Langsam-Lesen nicht jedermann. Die 20 Nummern wurden ohne erkennbare Ordnung aus dem Fundus der 154 Sonette ausgewählt. Peter Brook und Robert Wilson retteten in legendären Inszenierungen das Drama (und die Dramaturgie) hinter diesen Liebensgedichten: die Zuneigung eines alternden Mannes zu einem jungen Schönen, der jedoch mehr Interesse zeigt an der gar nicht hübschen "dark lady" seines Verehrers.

Matthias Hartmann und sein junger Koregisseur Michael Schachermaier bauten die siebenköpfige Banda mit doppelt so vielen Instrumenten vor boudoirroten Vorhängen auf. Durch einen Schlitz leuchtet ein Glaskugelmond weiß, rot, blau. Durch den Schlitz schiebt sich ein Puppenspieler mit der Maske eines alten Mannes über seiner rechten Hand. Wie bei den Muppets plappert der Mund synchron zu Texten, die am Bühnenrand gelesen werden. Zumeist macht der Hohlkopf Lazzi. In den schönsten Momenten des Abends gleicht der Puppenspieler Nikolaus Habjan dem von Shakespeare angedichteten jungen Mann - wenn er fragend, verwirrt und doch seiner Stärke bewusst auf das zerfurchte Pappmaschee-Gesicht hinblickt. Laue Zwischentexte wollen das ohnehin schon durch die Musik gebrochene Pathos der Poesie weiter in den Orkus drücken. Erzählt wird vom Herrn Sedlacek, der immer schon Burg-Schauspieler werden wollte und als Gast bei einer Hausführung vor Glück stirbt; und von den Versuchen, den Hintersinn der Sonette mit Spekulationen aus der Zahlenmagie zu entschlüsseln.

Das Sonett 129, in dem der "dark lady" die süßen Schrecken der Wollust vorgeführt werden, singt Johannes Krisch in der Pose zwischen Austropop und Chanson. Sunnyi Melles gastiert stumm als Nachtmahr im elisabethanischen Hofprunkkleid und mit voller Kehle als entzückender Dreißigerjahre-Vamp. Exakt die Sprechstimmen von Dörte Lyssewski, Tilo Nest und Nicholas Ofczarek (mit Brille).

Die Schwerarbeit erledigt der aus Bochum stammende Karsten Riedel in Selbstbegleitung am Bösendorfer und mit der Gitarre. Packender Sound, doch für den Feinschliff der lyrischen Figuren fehlt die Kraft. Den lustigen Tirolern ward nach ihrem Ausflug in die Fremde höfischer Renaissance-Artistik reicher Beifall gezollt.