Nach Verdis "Otello" im vergangenen Herbst ermöglicht der Salzburger Festspielintendant Alexander Pereira in Zürich jetzt den Vergleich mit Rossinis 1816 uraufgeführter, heute selten gespielter Version. Das Libretto von Francesco Berio di Salsa zur opera seria, mit der Rossini die Brücke zum italienischen Melodram schlägt, weicht stärker von Shakespeares Drama ab als Arrigo Boitos für Verdi. Handlungsmotor ist der Konflikt Desdemonas mit ihrem Vater Elmiro, denn sie hat Otello heimlich geheiratet. Elmiro hasst Otello wegen seiner Hautfarbe und als Aufsteiger, der vom Dogen und den Spitzen des Staates und des Militärs Anerkennung erfährt. Das verhängnisvolle Taschentuch ist durch ein Briefchen und eine Haarlocke ersetzt.

Das Regieduo Moshe Leiser und Patrice Caurier verlegt die Handlung in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, greift ansonsten nur sparsam deutend in den Plot ein. Entstanden ist so eine gelungene, klassische Nacherzählung.

Ein Murano-Glasleuchter deutet den Ort der Handlung an (Bühnenbild: Christian Fenouillat). Das zweite Bild des zweiten Akts spielt im Hinterzimmer eines Migrantencafés, wo Desdemona ihren Vater um Verzeihung für die heimliche Heirat bittet. Eine Erniedrigung für den Vater, seiner Tochter dorthin folgen zu müssen.

Triumphierende Tochter

Doch bittet sie ihn wirklich um Verzeihung? Cecilia Bartoli zeichnet in diesem Moment im Einklang mit Rossinis und Berio di Salsas Anlage der Rolle ein anderes Bild. Mit festem Willen steht sie zu Otello, sodass ihre Bitte um Verzeihung ein Lippenbekenntnis wird. Am Schluss des Finales blickt sie mit der Bierflasche in der Hand auf dem Tisch stehend fast triumphierend ob ihrer inneren Kraft auf ihren Vater herab. Um Desdemona werben drei Rossini-Tenöre, die technisch Hochleistungen erbringen müssen: neben dem Sieger von Zypern noch Rodrigo und früher einmal auch Jago. Für Maria Malibran, auf deren Spuren die Bartoli mit dieser Rolle erneut wandelt, war die Desdemona eine Paraderolle. Für die neue künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele ist sie es auch. Wie sie dieser starken Frau Leben einhaucht, ist grandios. Es gelingt ihr bereits mit ihrem Auftrittsduett im ansonsten langatmigen ersten Akt, in dem sie gegenüber ihrer Vertrauten Emilia (rollendeckend Liliana Nikiteanu) über ihren inneren Zwiespalt nachdenkt. Als große Tragödin stirbt die Bartoli dann im Schlussduett, in dem auch John Osborn als Otello zu seiner Form findet, nachdem er mit den vertrackten Koloraturen zu kämpfen hatte.

Mühelos phrasiert und artikuliert Rodrigo, Javier Camarena, und brilliert mit Koloraturgeläufigkeit. Edgardo Rocha als Iago ist der dritte Tenor im Bunde, leider ohne Arie. Auch die übrigen Rollen sind sorgfältig besetzt. Peter Kálmán besitzt für die dunklen Charakterseiten von Desdemonas Vater die richtige Stimmfarbe. Für seine und Rodrigos Doppelmoral finden die Regisseure im unglaubwürdigen Schluss eindringliche Gesten.

Am Pult sorgt schließlich Muhai Tang über weite Strecken für das nötige Belcanto-Brio und zeigt sich als plastischer Gestalter der packenden orchestralen Passagen.