Ödipaler Nackedei: Hamlet (Stéphane Degout) überwältigt Gertrude (Stella Grigorian).
Ödipaler Nackedei: Hamlet (Stéphane Degout) überwältigt Gertrude (Stella Grigorian).

Sein oder Nichtsein? In einer Zeit, da Werktreue noch nicht über alles ging, musste die Lebenserwartung des Prinzen von Dänemark nicht unbedingt kurz ausfallen. So im Paris des Jahres 1847: Dank den Text-Adapteuren Alexandre Dumas Père und Paul Meruice überlebt Hamlet nicht nur seinen Rachefeldzug; der Geist des Vaters kürt den Spross mit den Worten "Tu vivras" zum König.

Happyend für Hamlet: Das stellte sich 20 Jahre später abermals an der Seine ein, als eine neue Oper debütierte - und reüssierte. Es waren die Hitfabrikanten Michel Carré und Jules Barbier, die das Libretto für diesen "Hamlet" geliefert hatten. Die Partitur von Ambroise Thomas (1811-1896) pinselte dann nicht nur raffinierte Klangmalerei nach französischem Gusto - sie prunkt mit so viel Sinn für vokale Sinnlichkeit, dass Hamlet zu einem der meistgefeierten Opernhelden im Frankreich des 19. Jahrhunderts aufstieg. Ja, selbst der Rückimport nach England glückte - wenn auch mit einem neuen Finale für Shakespeares Heimat: Nun konnte Hamlet wieder sterben. Indes: Es erstarb zur Jahrhundertwende dann auch langsam das Interesse an diesem "Hamlet". Bis in die 1980er Jahre, als man sich des einstigen Straßenfegers wieder zu entsinnen begann.

Spannungsbogen bricht

Aber fegt er noch heute die Operngeher ins Haus? Der jüngste Wiederbelebungsversuch - seit Montag im Theater an der Wien, ab 2013 in Brüssel - lässt Zweifel aufkommen. Gewiss, da lockt ein Exot: Wann ist diese Opernorchidee sonst schon zu sehen? Andererseits ist die Mängelliste lang. Zwar stellt Thomas die Vorzeichen auf Grand opéra, lässt dann aber doch immer wieder leutselige Dreiviertel-Takte Italianità hereinwehen. Was schwerer wiegt: dass dieser dreieinhalbstündige "Hamlet" mit Energieverlust kämpft. Wohl ist Thomas eine Perlenkette (überwiegend) brillanter Einzelnummern gelungen - ein zwingender Spannungsbogen aber noch lange nicht. So astrein der Franzose Arien, Duette, Ensembles drechselt: In ihrer Vielzahl erweisen sie sich, gerade in der zweiten Hälfte, als veritabler Tragödien-Mühlstein - mag Ophelia noch so elektrisierend Wahnsinn und Wasser anheimfallen. Und apropos Ophelia: Nicht nur die Handlung, auch die Charaktere haben Carré und Barbier nach späterer Hollywood-Sitte massiv versimpelt: Ophelia ist nun ein Ausbund an Madonnenreinheit - und Hamlet nicht mehr schmerzerfüllter Zweifler, sondern pflichtbeladener Heros.