Die mexikanische Variante von "Henry IV". - © CNT/Sergio Carreon Ireta
Die mexikanische Variante von "Henry IV". - © CNT/Sergio Carreon Ireta

Es ist ein sehr ambitioniertes Festival-Projekt, das da bis 9. Juni am südlichen Themse-Ufer stattfinden wird: Auf Einladung des Shakespeare’s Globe Theatre werden Theatergruppen aus 37 Nationen in 37 Sprachen das dramatische Gesamtwerk des Barden aus Stratford zur Aufführung bringen. "Love’s Labour’s Lost" ("Vergebliche Liebesmüh") wird von Deafinitely Theatre gar in der britischen Zeichensprache dargeboten. Die Gruppe richtet sich nämlich gezielt an Gehörlose und hat sich mit der Umsetzung des sprachlich nicht unkomplizierten, von doppelbödigem Witz durchzogenen Stücks in die Zeichensprache an eine echte Herausforderung herangewagt.

"Globe to Globe" nennt sich dieses Festival, das als Beitrag zu den parallel zu den Olympischen Spielen stattfindenden "Cultural Olympics" konzipiert ist. Schon vorab war das auf den weltweiten Aufruf zur Teilnahme folgende Echo überwältigend, das Dominic Dromgoole - der künstlerische Direktor des Globe, von dem die Idee zu diesem Shakespeare-Marathon stammt - erhielt. Gerade aus politisch instabilen Regionen wie Zimbabwe oder Afghanistan langten die eindringlichsten Motivationsschreiben ein. Das längste derartige Schreiben legte die South Sudan Theatre Company vor: ein Manifest für die völkerverbindenden Qualitäten, die die Truppe in Shakespeares philanthropischem Verständnis für alle Schattierungen der conditio humane erkennt.

Fotostrecke 13 Bilder

Das Programm wird zum Großteil aus Premieren bestehen, nur etwa ein Dutzend der beim Festival vorgestellten Produktionen wurden bereits anderswo aufgeführt. Dabei war die Entscheidung, welche Truppe welches Stück spielen wird, nicht immer leicht. Die afghanische Truppe Roy-e-Sabsi etwa hatte wenig Lust auf die angebotene Inszenierung eines Bürgerkriegs-Stücks ("das haben wir hier ohnehin zum Überdruss") und entschied sich lieber für die fröhliche "Comedy of Errors" ("Komödie der Irrungen").

Rosenkriege vom Balkan

Schon 2005 hatten Roy-e-Sabsi mit der schlüpfrigen Komödie "Love’s Labour’s Lost", die sie in einem zerbombten Garten in Kabul aufführten, für lokales Aufsehen gesorgt. Da traten unverschleierte Frauen mit Männern in einem Ensemble auf. Tatsächlich leben afghanische Aktricen in ihrer Heimat aufgrund ihres Berufs nicht gerade ungefährlich, seine Ausübung ist immer auch Ausdruck kulturellen Widerstands gegen hegemoniale Mächte.

Habima wiederum, das israelische Nationaltheater, entschied sich mit Nachdruck für den "Merchant of Venice" ("Kaufmann von Venedig"). Die drei Teile von "Henry VI" - die brutalen "Rosenkriege" - werden von drei vom Balkan stammenden Ensembles in Mazedonisch, Serbisch und Albanisch aufgeführt.

Bei einem derart umfangreichen Festival-Projekt sind unerfreuliche Eventualitäten mitunter unvermeidlich. So rief die Teilnahme der israelischen Habima-Truppe aufgrund ihrer Auftritte in den besetzten West-Bank-Gebieten die Gruppe British Writers in Support of Palestine (BWISP) und die israelische Organisation Boycott from Within auf den Plan. Immerhin hatten sich zahlreiche andere israelische Künstler mit Verweis auf das israelisch-palästinensische Friedensabkommen geweigert, in der West Bank aufzutreten. Zusätzlich haben sich 37 britische Künstler (die Zahl ist eine Anspielung auf Shakespeares dramatisches Oeuvre) - darunter Emma Thompson und Regisseur Mike Leigh - kürzlich mit einem offenen Brief an die Tageszeitung "The Guardian" gewandt und zu einem Habima-Boykott aufgerufen. Pikantes Detail: Federführend war ausgerechnet Mark Rylance, ein Veteran im Shakespeare-Fach und Dominic Dromgooles Vorgänger als künstlerischer Direktor des Globe, der im heurigen Sommer in zwei Hauptrollen dorthin zurückkehrt.

Politik und Balance

Angesichts des - auch in Israel - eskalierenden Rauschens im Blätterwald und in den Social-Media-Netzwerken sah sich das Globe zur öffentlichen Stellungnahme gefordert. Man ließ in sehr verständnisvollem und gesetztem Ton wissen, dass man die Politik aus der Kunst herauszuhalten bestrebt sei und mit der Einladung der aus Ramallah stammenden Ashtar Company ohnehin um Balance bemüht war.

Für das Globe Theatre dürften sich die Habima-Proteste jedenfalls nicht zum Nachteil auswirken, da sie dem Globe-Festival natürlich zu vermehrter Publicity verhelfen. Spannender scheint jedenfalls der Umstand, dass jene aus politisch prekären Zonen anreisenden Ensembles auch überwiegend politische Stücke im Gepäck haben. Die Kunst der Interpretation - und hier bietet bekanntlich gerade Shakespeare sehr viel Spielraum - wird sich bei diesem genuin multikulturellen Projekt bestimmt um faszinierende Facetten erweitern.