Auf fünf Akteure und sieben Rollen hat Peter Brooks nachrückende Tochter Irina Shakespeares figurenreichen "Sturm" zum 100-Minuten-Lüfterl eingedampft. Darin ist der zaubermächtige Prospero kein vertriebener Mailänder Herzog, sondern ein neapolitanischer Restaurantbesitzer mit Meisterkochhaube. Auf einer einsamen Insel gestrandet, hat er sich wohl aus Treibgut eine Schmuddelküche gebaut. Eine praktische Wandertruppen-Kulisse. Irina Brook tourt damit schon seit 2010 durch französische Provinzbühnen.

Warum Shakespeares altersweise Tragikomödie in französischer Sprache als Salzburger Festspiel? Der Plakattitel "La Tempête" schmälerte den Kartenverkauf – schon bei der Premiere blieben nicht wenige Sitze leer. Die monströse Industriehalle auf der Pernerinsel passt nicht als Rahmen für das filigrane Kammerspiel mit Pizza, Spaghetti, Zauber-Requisiten und italienisch-englische Sprachgewürze. Ein europäisches Theater! Die Festspielgründer Hugo Hofmannsthal und Max Reinhardt hätten an den Commedia-Lazzi gewiss ihre Freude gehabt - wäre nicht die Dichtung zu kurz gekommen.

Shakespeares Ironie im Zitieren aus dem Allegorien-Fundus von Antike und Renaissance, die Quintessenz aus den Reden und Gegenreden über rechtes Leben und Regieren erschließen sich letztlich nur bildungsbürgerlichem Wissen. In der melancholischen, bisweilen kitschigen Verkürzung ist "Der Sturm" die Abschiedsvorstellung eines Magiers, der ein Credo aller romantischer Kunstreligion aufsagt: "We are such stuff / As dreams are made on". Mit dem Zauber der Poesie bändigt dieser Theatermagier die vier Elemente. Er bestraft seine Feinde, aber verzeiht ihnen.

Guter Geist gegen Bösen Geist: Der Hexenbankert Caliban will Prospero morden; im Geisterkind Ariel zieht er sich einen loyalen Helfer heran. Hat die Poesie erst gezeigt, was sie kann, und das ist erschreckend viel, zieht sie sich von der Bühne zurück. Prospero versenkt Zauberstab und Zauberbuch. Bei Shakespeare kehrt er heim nach Italien. Hier bleibt der "König der Pasta" sitzen über seinen Aufschlagkarten und blickt trutzig gen Himmel, als hätte er sein Todeslos gezogen.

Verstehbare Banalisierung
Finale Tristesse nach der herzerfrischend komischen Küchenshow von Renato Giuliani, einem gutmütig-stolzen Spielmacher mit einem beseelten "Funiculì, Funiculà" auf den Lippen und dem Rührbesen als Zepter in der Hand. Aber dieser erznapolitanische Typ (er stammt aus Turin) gibt es wie seine Chefin Mme. Brook billiger: perfekte Unterhaltung – um den Preis verstehbarer, verkaufbarer Banalisierung nach den Spielregeln der Musicalindustrie.

Scott Koehler, ein ranker Schöner, will als Luftgeist Ariel nichts anders als ein Springginkerl sein. Mit Leichtigkeit und Charme fliegt er ab ins Reich der Küchendüfte und hebt die Chronologie auf, indem er im Krebsgang auf der Zeitlinie rückwärts hopst. Der Caliban wird wie ein Hund in einem Verschlag gehalten. Wenn er sich losreißt, zeigt Hovnatan Avérdikian einen schröcklich herben Gesellen. Die luzide Interpretation des Polen Jan Kott (er ein Leitstern für Peter Brooks Shakespeare-Erfolge) versteht ihn anders: Caliban sei "ein Mensch, kein Ungeheuer. Von allen Gestalten des Sturms ist sein Drama das tiefste."

Stärker als der Zauber ist die Liebe. Ysmahane Yaqini führt glaubhaft vor, dass auch 27 Jahre Inselhaft Prosperos Tochter Miranda nicht trübsinnig machen konnten. Schon erste Blickwechsel mit dem angespülten Prinzen verheißen ein glückliches Ende. Vorher aber muss Bart David Soroczynski wie Herkules dem Vater Kochkönig zur Prüfung niedere Dienste tun. Wie dieser Kochlöffel- statt Keulenartist über dem Spaghetti-Kochtopf die Zutaten jongliert, ist der meistbeklatschte Moment dieses kleinen Abends.