• vom 28.01.2013, 17:00 Uhr

Shakespeare

Update: 28.01.2013, 17:14 Uhr

Film

Cäsar stirbt in einer Zelle




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexandra Zawia

  • Von Schwerverbrechern, die im Gefängnis Shakespeare spielen
  • Die italienischen Regie-Brüder Taviani über ihren neuen Film "Cäsar muss sterben".

Im Rabibbia-Gefängnis in Rom proben die Häftlinge für die Aufführung von Shakespeares "Julius Cäsar". - © Polyfilm

Im Rabibbia-Gefängnis in Rom proben die Häftlinge für die Aufführung von Shakespeares "Julius Cäsar". © Polyfilm

Paolo (l.) und Vittorio Taviani sind sich am Set meist einig.

Paolo (l.) und Vittorio Taviani sind sich am Set meist einig.© Polyfilm Paolo (l.) und Vittorio Taviani sind sich am Set meist einig.© Polyfilm

Für "Cäsar muss sterben" inszenierten Paolo und Vittorio Taviani mit Insassen des Hochsicherheitstrakts des römischen Rabibbia-Gefängnisses Shakespeares "Julius Cäsar". Ein Film über den freien Willen hinter Gittern, bei dem sich Dokumentation und Fiktion perfekt verblenden, als die Insassen beginnen, ihre Rollen in den Alltag zu übernehmen. Und ein Film, der deutlich macht, dass Selbsterkenntnis oft die härteste Strafe sein kann.

Seit mehr als 50 Jahren arbeiten die Brüder Paolo (geboren 1931), der größere und ernsthaftere von beiden, und Vittorio, (geboren 1929), der viel schneller spricht und viel wilder gestikuliert, nun zusammen. Begonnen haben sie ihre Karriere als Journalisten und daher rührt auch ihr Interesse an politischen Elementen in ihren Filmen, wie sie sagen, wie bereits in ihrer ersten Arbeit "Italy is not a poor country" (1960). Aber auch in ihren Spielfilmen ging es ihnen um die Erforschung sozialer und familiärer Machtstrukturen, bevor sie sich ab den 1990ern eher TV-Miniserien zuwandten.


Goldene Palme und Goldener Bär
Für ihren bekanntesten Spielfilm, "Padre Padrone", der von einem sardischen Schafhirten handelt, der von seinem terroristischen Vater flüchtet, um ein gefeierter Linguist zu werden, wurden sie 1977 mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet, "Cäsar muss sterben" wurde bei der Berlinale 2012 mit dem Goldenen Bären prämiert. Auch hier steht Flucht als Thema im Raum oder besser: ihre Unmöglichkeit.

Im Gespräch, bei dem sie strikt vereinbart abwechselnd antworten ("Nach 50 Jahren haben wir herausgefunden, dass wir so am wenigsten streiten"), erzählen die Regisseure über die Macht von Kunst und die Ohnmacht des Menschen.

"Wiener Zeitung": Sie hatten schon lange keinen Film mehr gemacht - was hat Sie zu "Cäsar muss sterben" gebracht?

Paolo Taviani: Unsere Lust auf ein neues Abenteuer. Wir arbeiten, um etwas Neues, Geheimnisvolles zu entdecken. Dieser Film war überhaupt speziell, denn der Mensch als Wesen ist sehr komplex, erst recht unter Bedingungen wie hier, in einem Gefängnis. Eine Freundin hatte uns von der Theatergruppe am Rabibbia-Gefängnis erzählt und uns gebeten, vorbeizukommen. Nun gibt es ja schon genügend Filme über Gefängnisinsassen, aber von derart Berührendem wie dieser Vorstellung waren wir überwältigt. Diese Insassen, allesamt Mafiabosse oder sonstige Schwerverbrecher, leben in diesem Sicherheitstrakt ein Nicht-Leben; doch sie inszenierten auf einer Bühne das Leben mit solcher Inbrunst, obwohl sie das meiste davon niemals aus eigener Erfahrung kennen konnten. Wir hatten dafür von Anfang an "Julius Cäsar" im Sinn. Ein Drama über die großartigen und schmerzhaften Beziehungen zwischen Menschen, über Verrat, Mord, Intrigen, Macht.

Was machte die Mischung aus Dokumentation und Fiktion zur geeigneten Darstellungsform?

Vittorio Taviani: Wir unterscheiden selbst nicht so gerne zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm. Wichtig ist einfach, dass der Film eine eigene Identität hat. Während der Dreharbeiten erzählten uns die Männer von bestimmten Vorfällen in ihrem echten Leben. Wir baten sie dann, die Erinnerung daran aufzuschreiben und uns für den Film zu überlassen. Das haben wir dann in den Film mit eingebaut. Wir wollten einen Film machen, der sowohl die Schönheit als auch die Tragik ausdrückt, die diese Insassen durch die Berührung mit der Kunst erfahren.

Welchen Stellenwert hat Kunst für Menschen in Extremsituationen?

Paolo Taviani: Der Satz, den der Darsteller von Cassius sagt, wenn er in seine Zelle zurückmuss, drückt alles aus: "Erst seit ich weiß, was Kunst ist, wurde diese Zelle wirklich zum Gefängnis." Wir haben diesen Satz nicht für ihn geschrieben. Kunst ist gespeist aus freiem Willen oder dem Kampf dafür. Sie hilft, etwas besser zu verstehen. Diesen Männern hat die Berührung mit Kunst aber vor allem geholfen, zu verstehen, was sie verloren haben. Das ist vielleicht die härteste Strafe. Es ist sehr grausam, die Schönheiten und den Reichtum der Kunst zu entdecken, aber zur selben Zeit erfahren zu müssen, dass man nie komplett Teil davon sein kann. Dieses Bewusstsein führte bei einigen der Mitwirkenden zu einer Selbsterkenntnis, die wohl schmerzhaft war.

Denken Sie, Kunst oder Kino kann die Welt verändern?

Vittorio Taviani: Ich glaube nicht. Es wäre schön, wenn es so wäre. Das Kino selbst verändert sich. Also, wer weiß? Kunst ist sicher ein menschliches Grundbedürfnis. Das Bedürfnis der Menschen, sich darzustellen und sich zu reproduzieren, in einem kreativen Sinne, ist immer schon da gewesen. Durch die Kunst tun die Menschen etwas, das ihnen dabei hilft, zu leben und auch an sich selbst zu arbeiten. Vielleicht werden sie dadurch die Welt verbessern. In diesem Sinne könnte Kunst die Welt verändern.

Warum drehten Sie den Großteil des Films in Schwarzweiß?

Paolo Taviani: Weil Farbe realistisch ist und Schwarzweiß nicht. Denn wir wollten mit einem "Gefängnisfilm" auf keinen Fall in den TV-Naturalismus verfallen; in Schwarzweiß zu drehen half uns, dem zu entkommen, und gab uns mehr Freiheit, zum Beispiel Cäsar nicht vor dem Hintergrund des alten Roms sterben zu lassen, sondern in einer kahlen Zelle.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-01-28 17:03:06
Letzte Änderung am 2013-01-28 17:14:51



Werbung



"Ein tiefer Fall führt oft zu höherm Glück." ("Cymbeline", vierter Akt, zweite Szene)

Edwin Booth als Hamlet (Hamlet, 1870).



Twitter Wall


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Vorarlberger im Finale von "America's Got Talent"
  2. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  3. Stehen, singen, sterben
  4. Die Liebe als verzweifelter Imperativ
  5. Fifty Shades of Crash
Meistkommentiert
  1. Wieder Wirbel um Ministeriums-"Journalistin"
  2. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  3. "Wiener Zeitung"-Geschäftsführer will "Gas geben"
  4. Drama um Daniel Küblböck
  5. Punkt! .


Werbung