Der Burgschauspieler Roland Koch sicherte sich vor zehn Jahren als Shakespeare-Regisseur einen Achtungserfolg. Von der erkrankten Andrea Breth übernahm er damals "Was ihr wollt". Er setzte auf anheimelnde Musik und komödiantische Extras seiner Kollegen. Nun überrascht Koch in St. Pölten mit einer fantasievollen, stilrichtigen, musikdurchdrungenen Inszenierung des nicht vollends lustigen Liebes- und Intrigenspiels "Viel Lärm um nichts". Als Beatrice, die am allerwenigsten von Männern träumt, gewann er Anne Bennent. Sie hat vor zehn Jahren der Burg ade gesagt.

Vier Musikanten mischen Shakespeares artige Konversationen, Ränkereden, Liebes- und Hassgeständnisse am hispano-sizilischen Hof zum bunten Soufflé auf. Kapellmeister Imre Lichtenberger Bozoki mimt einen Schurken, die Cellistin Rina Kaçinari aus der Balkan-Jazz-Banda bereichert in ihrer albanischen Muttersprache die Dialoge. Doch wo am dramatischen Höhepunkt die Intrigenmechanik radzahnscharf funktionieren müsste, eiert und schlingert das komische Werkl. Bis Pascal Gross als Claudio und Swintha Gersthofer als Hero sich in einem Triumph-Cancan einhaken. Nur der böse Bastard Don John (Moritz Vierboom) steht in grünlicher Blässe daneben.

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Tücher aus dem India-Shop

Mit einem Gelage im Palast von Messina nach gewonnener Schlacht beginnt die Zweieinhalb-Stunden-Fassung der 2010 im Zürcher Schauspielhaus bestens erprobten Neuübersetzung von Angela Schanelec. Die Hofgesellschaft, in eine winzige Koje gedrängt, singt im Takte ihres Schluckaufs. Hannah Hamburger hat die buntesten Seidentücher aus dem India-Shop zu Ganzkörperschleiern zusammengenäht. Überraschungen sonder Zahl. Plötzlich löst sich ein Cul de Paris auf in eine wallende Toga. Hugo Gretlers Sperrholz-Bühnenmöblage spielt eine Rolle für sich: Laubsägearbeit im Riesenformat mit kuriosen Durchblicken. Räume nirgendwo, wie im Märchen. In denen Heros Vater Leonato regiert. Benno Ifland ist das erste Licht des Threestar-Abends. Gedungene Gestalt, Bonhomie und Würde im Gesicht unterm Hut, italienische Eleganz, raumgreifender Gang - und eine umwerfend starke Sprechstimme. Michael Scherff, sein Gast Prinz Pedro, bleibt dagegen ein bürogeselchter Assistent der Stadtregierung.

Tobias Voigt ist der Benedikt in derIch-will-dich-nicht-Verfolgungsjagd eine gesellschaftliche Etage tiefer. Er rumort in hagestolzem Aristo-Eigensinn, urkomisch und dabei englisch-diszipliniert. Einzig sein und seiner Beatrice Schimpf auf das andere Geschlecht, dieses Schattenboxen der Herzen und Hirne bis zur Kapitulation haben der 1600 uraufgeführten Komödie ewiges literarisches Leben gesichert.

Anne Bennent als Beatrice ist mehr als die Partnerin in den Paarungsturbulenzen (die bei Schikaneder und Nestroy wiederkehren). Sie regiert den Abend. Als kaum fassbare Erscheinung, wenn sie mit raschen abgezirkelten Schritten umherwirbelt - leicht, locker, lustspielselig. Ihr Blick kann aus dem alterslosen Gesicht stechen. Diese Beatrice weiß, dass sie die Liebe nicht nur den Männern, sondern auch sich selbst verwehrt. Selbstfindung, Selbstheilung, der Sieg im Krieg zieht den Sieg der Liebe nach sich. Premierenjubel nicht nur für die Heimgekehrte.