Justus Neumann. - © W. Kalal
Justus Neumann. - © W. Kalal

Einst war er ein König, zumindest auf der Theaterbühne, namentlich Shakespeares König Lear, doch heute fällt ihm nicht einmal mehr sein größter Monolog aus dem Stück ein. Schlimmer noch: Er findet seine Socken nicht mehr, vergisst den Namen seines ältesten Sohnes und traut sich nicht mehr vor die Tür. Noch funktionieren die Tricks und Zettel, die dem gealterten und an Alzheimer erkrankten Schauspieler einen Leitfaden zum Überleben, vorbei an der Vergesslichkeit, bieten - doch schon bald hören die letzten Eselsbrücken auf, ihn zu tragen.

"Alzheimer Symphonie" nennt Justus Neumann sein neues Stück und tatsächlich gelingt es ihm, auf der kleinen Bühne in seinem vor dem Kindertheaterhaus Dschungel im Museumsquartier aufgebauten Zirkuszelt aus dem Stammeln und Stottern des krankhaft Vergesslichen eine Partitur zu formen: Die 70 Minuten geraten zu einer fragilen Komposition aus zunehmend zerfallender Sprache. Eine Choreografie, aus Höhen und Tiefen.

Das ist nicht nur unterhaltsam und ungemein vergnüglich anzusehen - das Bühnenbild, ein "Überlebensfahrzeug" auf minimalstem Raum mit einer Vielzahl an Schubladen, Steckern und ausgetüftelten Geräten lässt den Betrachter staunen -, sondern ist auch eine aussagekräftige Parabel auf die Kraft der Kunst, aus Fragmenten der Wirklichkeit Neues zu schaffen.

Den Höhepunkt bietet die beinahe dadaistische Neuordnung des anfänglich korrekt rezitierten King-Lear-Monologs, die trotz der oberflächlichen Sinnlosigkeit der Sätze einen Sog und eine Intensität erreicht, die zutiefst bewegt.

Lediglich das Ende des Abends kommt überraschend abrupt; doch auch hier stellt sich die Frage, ob es in seiner leisen Banalität nicht doch wieder nur die Unvorhersehbarkeit des Lebens (und Sterbens) reflektiert.