• vom 29.09.2013, 16:25 Uhr

Shakespeare

Update: 30.10.2013, 16:42 Uhr

Hamlet

Das leere Wort Liebe




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Hilde Haider-Pregler

  • Burgtheater: Andrea Breth inszeniert Shakespeares "Hamlet" mit August Diehl

Im Spiegel einer krisenhaften Gegenwart: August Diehl (oben) und Hans-Michael Rehberg in "Hamlet".

Im Spiegel einer krisenhaften Gegenwart: August Diehl (oben) und Hans-Michael Rehberg in "Hamlet".© apa/Herbert Neubauer Im Spiegel einer krisenhaften Gegenwart: August Diehl (oben) und Hans-Michael Rehberg in "Hamlet".© apa/Herbert Neubauer

Schlag Mitternacht fällt der letzte Vorhang über Andrea Breths sechsstündiger "Hamlet"-Inszenierung in der klassischen Schlegel-Tieck-Übersetzung. Noch länger hat nur Heiner Müllers "Hamlet"-Projekt (1990) mit Ulrich Mühe in der Titelrolle gedauert, das allerdings Shakespeares Text mit Müllers eigener "Hamlet/Maschine" verknüpfte. Gemeinsam ist beiden Produktionen, dass die wohl meistgedeutete Tragödie der Weltliteratur zum Spiegel einer krisenhaften Gegenwart wird, in der die Zeit in der Tat (nicht nur symbolisch) "aus den Fugen" geraten ist.

Irrationale Welt
Müller demontierte zur Wendezeit mit skeptischer Hoffnung auf eine helle Zukunft Geschichtsbilder einer Vergangenheit, deren Gespenster hinter Schleiervorhängen auf Holzstegen über faulem, morastigen Boden dahin stolperten. Breth hingegen konfrontiert von Beginn an mit einer düsteren, rational nicht mehr durchschaubaren Welt, in der Privatinteressen und politische Taktiken durcheinandergeraten sind. Nicht von ungefähr verkörpert Hans-Michael Rehberg sowohl den Geist von Hamlets militantem, vom Sohn zur Idealgestalt stilisierten Vater als auch gegen Ende den ersten Totengräber, ehe mit dem jungen Fortinbras der nächste Gewaltherrscher auftritt und die unauffällig-würdevolle Bestattung der im blutigen Showdown zu Grunde Gegangenen anordnet.


Hamlet, aus dem protestantischen Wittenberg zum Begräbnis seines Vaters nach Dänemark zurückgekehrt, gerät in Helsingör in eine alptraumhafte Welt (Bühne: Martin Zehetgruber): Gestrüpp, Schiebewände rotieren, neue und altbekannte Räume tun sich auf, akustisch untermalt von einem gruseligen, von Wolfgang Mitterer komponierten Sound. Die stumme Geistererscheinung - als Schmerzensmann mit Lendentuch - lockt ihn, vorbei an regungslos dasitzenden Wächtern in den Thronsaal, mutiert zum schwarzen, lautstark Rache fordernden Ritter mit geschlossenem Visier.

August Diehls facettenreicher Hamlet ist schlichtweg eine Meisterleistung: Kein Weltverbesserer, der politisch durchgreifen möchte, sondern ein von der Situation überforderter junger Schöngeist, der im Auftrag des Vaters aktiv wird, jähen Stimmungsschwankungen unterliegt, wohlüberlegt taktiert, dann wieder überstürzt handelt. Trauen kann er dabei niemandem, außer seinem Freund Horatio, in Gestalt von Markus Meyer ein zurückhaltender, bebrillter Jungintellektueller.

Existenzielle Fragen
Roland Koch präsentiert sich bei seiner Thronrede als besonnener Regent. Dass er seiner Position nicht so recht gewachsen ist, wird bereits im erotischen Getändel mit seiner Gattin (Andrea Clausen) bei Würstel und Dosenbier deutlich. Und so bedient er sich, als ihn Hamlet in der als eindrucksvolles Tableau realisierten Mausefallenszene als Täter decouvriert, auf die altbewährte Korruptionsmaschinerie zurück, mit Oberkämmerer Polonius als Helfer: Udo Samel zeichnet den als opportunistischen Machtmenschen, der auch die eigenen Kindern Laertes (Albrecht A. Schuch) und Ophelia herumkommandiert.

"Liebe" ist in dieser Gesellschaft ein inhaltsleeres Wort: Die kindliche Ophelia (Wiebke Mollenhauer) erfährt dies, als sie der Prinz im gespielten Wahnsinn sadistisch demütigt und sie da-durch in den Wahnsinn treibt: In diesen letzten Stunden vor ihrem Freitod durchlebt sie, nun in Gestalt der unvergleichlichen Elisabeth Orth, als weißhaarige, fast überirdisch-zeitlose, anmutige Erscheinung mit wissendem Blick all das, worum sie im Leben betrogen wurde.

Ein Konzentration fordernder, lohnender, existenzielle Fragen stellender, mit lang anhaltendem Applaus bedachter Abend.

Theater

Hamlet

Von William Shakespeare

Andrea Breth (Regie)

Burgtheater

Wh.: 30. Sep., 2., 10., 13. Okt.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-09-29 16:29:05
Letzte Änderung am 2013-10-30 16:42:57



Werbung



"Ein tiefer Fall führt oft zu höherm Glück." ("Cymbeline", vierter Akt, zweite Szene)

Edwin Booth als Hamlet (Hamlet, 1870).



Twitter Wall


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Vorarlberger im Finale von "America's Got Talent"
  2. Tosender Applaus für Vorarlberger Zurcaroh
  3. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  4. Frauen, die Baby heißen
  5. Ausgezaubert
Meistkommentiert
  1. Wieder Wirbel um Ministeriums-"Journalistin"
  2. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  3. "Wiener Zeitung"-Geschäftsführer will "Gas geben"
  4. Drama um Daniel Küblböck
  5. Punkt! .


Werbung