Es war der 30. März 1969. Ein junger Regisseur inszenierte in Bremen Goethes "Torquato Tasso". Angespannte Atmosphäre, der Theatermann war für Skandalaufführungen berüchtigt. Eine Premiere von Peter Weiss’ "Vietnam-Diskurs" hatte zuvor im Eklat und in der Entlassung des Spielleiters geendet - der linke Theaterstürmer namens Peter Stein hatte in den bürgerlichen Münchner Kammerspielen für den Vietkong Geld sammeln lassen. In Bremen betrat nun kein idealisierter Dichter Tasso die Bühne, sondern ein bemitleidenswerter Wicht, den der Fürst nach Strich und Faden ausnutzte. Die Inszenierung demonstrierte die Missachtung und Demütigung des Künstlerdaseins, Stein deutete den Klassiker gegen jede Usance. Ein Affront. Am Schluss hagelte es Proteste - und Ovationen.

Versuch einer Annäherung an den letzten großen Grantigen des deutschsprachigen Theaters.

Der Star einer Bewegung

Steins legendäre "Torquato Tasso"-Arbeit markiert einen historischen Einschnitt. Viele Jahre lang verkörperte Peter Stein so etwas wie die Speerspitze eines radikal neuen Theaters: Er war der erklärte Star einer Theaterbewegung, die eine neue Bühnenästhetik durchsetzte, über das Nachkriegstheater hinwegfegte. Sein Richtungswechsel kam dann unvermutet.

Seit geraumer Zeit befindet sich der 1937 in Berlin Geborene in zornig-polemischer Distanz zum deutschen Bühnengeschehen - konsequenterweise inszeniert er nur mehr selten an deutschsprachigen Bühnen. Am kommenden Samstag feiert der nach wie vor kämpferische Künstler nun mit "König Lear" ein spätes Debüt am Wiener Burgtheater.

Der historische Bühnen-Aufstand der 1960er und 1970er Jahre entfaltete sich aus der linken Protestbewegung heraus - und opponierte mit allen Mitteln gegen das Bühnengeschehen der Wirtschaftswunderjahre. Die Person des Regisseurs wurde, vergleichbar den gefeierten Dirigenten und Filmemachern jener Zeit, zum regelrechten Markenzeichen stilisiert - skandalumwitterte Aufführungen und schlechte Presse steigerten den Marktwert: Peter Zadek, Claus Peymann und Peter Stein haben das beispielhaft vorexerziert.

Das Verdienst dieser Regisseure ist unbestritten: Sie legten bei Bühnenklassikern Schichten frei, die zuvor kaum beleuchtet worden waren. Sie pochten auf Gegenwartsbezüge, politische Fragestellungen, auf die Radikalisierung der Bühnensprache.

Umgeben von Crétins

1970 übernahm Stein mit seinem Ensemble - Edith Clever, Jutta Lampe, Otto Sander, Udo Samel, Bruno Ganz - die Schaubühne in Berlin. Damals begründete er als Theaterleiter und wichtigster Hausregisseur seinen Weltruhm, beispielsweise mit bis heute mustergültigen Botho-Strauß-Uraufführungen. 1985 verließ Stein das Haus als Berühmtheit. Stein war damals 48 Jahre alt und steckte, wie er in einem Interview einräumte, in einer "Midlife Crisis": "Da orientiert man sich neu." Er verabschiedete sich ins benachbarte Ausland. Von 1991 bis 1997 leitete er das Schauspielprogramm der Salzburger Festwochen - und überwarf sich mit dem damaligen Intendanten Gérard Mortier; 1998 kam es nach langer Pause wieder zu einer wenig akklamierten Strauß-Uraufführung im Theater in der Josefstadt. Die Zeit der epochalen Bühnenerfolge schien vorbei. 2000 stemmte Stein mit Bruno Ganz in der Titelrolle Goethes kompletten "Faust" in Form eines 22-stündigen Marathons auf die Bühne. Bei der Kritik fiel das ambitionierte Unternehmen durch.

Stein begann sich zu verschanzen. Er brach mit den deutschen Theaterkritikern, die er von seinem toskanischen Landsitz als "crétins" beschimpfte, und warf jungen Regisseuren vor, sich beim Inszenieren vom "Jucken unter ihrer Vorhaut" inspirieren zu lassen. Vom Treiben auf deutschen Bühnen fühlte er sich "schlicht verarscht".

Aus dem einstigen Miterfinder des neuen Regietheaters wurde ein vehementer Verfechter der Gegenposition, der dramatischen Werktreue. Genau genommen ist sich Peter Stein aber treu geblieben. Die intensive Beschäftigung mit Sprache und Inhalt ließ sich bereits seinen frühen Aufführungen nicht absprechen, seinen späteren sowieso nicht. Machten die Zeitläufte aus einem Revoluzzer vielleicht einen Reaktionär?

Kampf dem Mainstream

Eine Konstante in Steins Schaffen ist die Provokation des kulturellen Mainstream, das Infragestellen herrschenden Geschmacks.

In seinen Anfangsjahren wandte er sich rigoros gegen das repräsentative Nachkriegstheater, in seinem Alterswerk richtet er sich eben gegen das zeitgenössische Regietheater. In Klaus Maria Brandauer hat Stein dafür einen geradezu idealen Kombattanten gefunden. "Wir sind wie Brüder", bemerkte Braundauer jüngst treffend in einem "Bühne"-Interview.

Der Starakteur mit internationaler Karriere übernahm in vielen späten Stein-Inszenierungen tragende Rollen - von "Wallenstein" (2007) über "Der zerbrochne Krug" (2009) und "Ödipus auf Kolonos" (2010) bis zu "Das letzte Band" (2013) und dem neuen "König Lear".

Bis heute spalten Steins Aufführungen Kritik und Publikum - in glühende Anhänger und leidenschaftliche Gegner. Der "Lear" am Burgtheater wird da wohl keine Ausnahme bilden. "Welche von euch liebt uns wohl nun am meisten?", heißt es dazu im Stück. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.