• vom 22.12.2013, 13:06 Uhr

Shakespeare

Update: 22.12.2013, 17:26 Uhr

Burgtheater

Kaum Königswürde, kaum Alterswürde




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Von Hans Haider

  • Peter Stein bringt Klaus Maria Brandauer als König Lear ans Burgtheater zurück.

Virtuose Solisten einzeln und in kleinen Gruppen ausgestellt in einer übergroßen Museumsvitrine. Vor 125 Jahren wurde das Burgtheater am Ring eröffnet. Adolph von Sonnenthal gab den Lear ohne den Namen eines Regisseurs auf dem Theaterzettel. Akteure wurden auf die Riesenbühne hinausgeschickt und alleingelassen. Manche entzückten mit Natürlichkeit, andere mit Pathos. Der große Peter Stein, mit 76 endlich Burgdebütant, hätte sich diskreter nicht bescheiden können. Seiner Antiregietheaterregie streut gewiss Daniel Kehlmann Rosen. Klaus Maria Brandauer kehrte als irr irrender König Lear nach langer Abwesenheit an die Burg zurück. Unter Jubel, wie zu erwarten. Dass der Sager "Das ist die Seuche unserer Zeit: Verrückte führen Blinde" Szenenapplaus produziert, sollte den Regierenden zu denken geben.

Schwenkte Stein erst während der Proben auf den Museumsweg ein? In der Hochblüte des Absurden Theaters vor fünfzig Jahren wurde Lear durch die Brille Becketts gesehen. Der Bühnenrahmen (von Ferdinand Wögerbauer) wie aus scharf geschnittenen Marmortafeln erinnert an Roma-Termini, an Endstation, an Endspiel. Die Bühnenhalle leer, die drei Wände in Wechselfarben angestrahlt. Konzentration auf das Wort. Trotz Steins Politur der alten Graf-Baudissin-Übersetzung blieb zu viel heute kaum verständliche Rede. Dass der Narr den König als Onkelchen anredet, klingt mehr zaristisch als elisabethanisch.



Information

König Lear
Von William Shakespeare
Peter Stein (Regie)
Mit Klaus Maria Brandauer, Joachim Bißmeier u. a.
Burgtheater
www.burgtheater.at
Wh.: 26., 28. Dezember, 5., 17., 20., 29. Jänner

Lear verteilt unter den Töchtern sein Reich. Brandauer thront eingehüllt im überkörperlangen Lederflickenmantel mit Innenpelz (Kostüme: Annemaria Heinrich). Vermummungsoptik, die das Wort dämpft, stranguliert. Kaum Königswürde, kaum Alterswürde. Ein Mensch wie von allen guten Geistern verlassen. Erst im ersten großen Ausbruch, wenn er gegen jede Widerrede tobt, nimmt Brandauer, begleitet von einem Donnerschlag, das Spielfeld in Besitz. Solch raumgreifende Aktionen unterbrechen zu selten das höfische Herumstehtheater. Unter den bleifüßigen Hochgeborenen fällt sofort Fabian Krüger auf. Ein Körper dauernd in Bewegung. Und Joachim Bißmeier als Gloster mit einer Sprechstimme, die den anderen Guten unter den vorchristlichen Fürsten, Branko Samarovski als Kent, deklassiert.


Drei Narren – und jeder anders. Der professionelle Spaßmacher, der Simulant Edgar, der altersdemente Lear. Michael Maertens gleicht als Hofnarr einem Comic-Marienkäfer, der aufrecht zu gehen versucht. Hohes Zirpen, köstliche Verrenkungen, eher Streicheltier als Vollblutkomiker. Krüger fast nackt, mit Schlamm beschmiert: Körper- und Sprachcamouflage, die eine roh, die andere überkandidelt. Klaus Maria Brandauer sitzt, steht, schreitet schleppend. Ein Belasteter. Doch vom Urschrei bis zum Tremolo hastet seine Stimme flink durch alle Klaviaturen. Mit einer Strohkrone auf dem Kopf phantasiert dieser Lear von einer besseren Welt. Auch mit guten Worten für Obdachlose spricht er das Publikum direkt an. Bart und Langhaarperücke mummeln ein Elendsgesicht ein. Als Leiche sitzt Lear aufrecht wie ein Buddha und starrt uns an. Fragend, ohne Hoffnung auf Antwort.

Die Blickkontaktsuche publikumwärts gehört ins elisabethanische Handwerk wie in die altväterische Klassikerpflege. Nicht nur die Narren, auch die Höfischen spielen oft über die Rampe. Makellose Bösartigkeit zeigen Corinna Kirchhoff als Goneril und Dorothee Hartinger als Regan. Von solchen Königstöchtern könnten Selbstquäler träumen. Edelmut und Gutherzigkeit sind schwieriger zu zeigen. Pauline Knof entkommt als Cordelia mit dumpfer Stimme dem Klischee von Jugendlich-Naiv. Kühle Perfektion bringen Cordelias Freier nach England: Sven Philipp und Daniel Jesch (der auch der verbogene Haushofmeister ist). Martin Reinke und Dietmar König passen als Lears Schwiegersöhne nahtlos ins statische Bild wie auch Franz J. Csencsits, Rudolf Melichar, Peter Wolfsberger, Sven Philipp als Helfer der Handlung. Shakespeare verbrauchte ein halbes Dutzend Briefe, um sie immer wieder anzuschieben. Zwischenträger, Brieffälscher ist Edmund, Glosters Bastard. Michael Rotschopf gibt ihn als sonnengebräunt strahlenden Bösewicht. Er fällt im finalen Duell mit schweren Bihändern.

Alle Theoretiker der absurden Groteske bauen auf den vom Sohn Edgar inszenierten Sprung des geblendeten Gloster von der Klippe. Diese Illusion verliert sich in der Bühnenweite, aber tut ihren Dienst im Kopf. Wie beim Lesen des Buchs. Viel mehr als dort in romantisch-deutscher Zurichtung steht, wollte uns Peter Stein nicht zeigen. Es sei ihm gedankt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-12-22 13:06:33
Letzte Änderung am 2013-12-22 17:26:45



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Edwin Booth als Hamlet (Hamlet, 1870).



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