• vom 19.04.2014, 10:45 Uhr

Shakespeare

Update: 19.04.2014, 10:53 Uhr

Shakespeare

Wo Macbeth zu Maqbool wird




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Von Carina Sulzer

  • In Indien wurde das Werk Shakespeares lang als kolonialer Kulturimport abgelehnt. Mittlerweile gilt er als Kultur-Ikone.

William Shakespeare, indisch angehaucht. . .

William Shakespeare, indisch angehaucht. . .© Sulzer William Shakespeare, indisch angehaucht. . .© Sulzer

War Shakespeare ein Inder? Auch wenn diese Frage ruhigen Gewissens verneint werden kann: Shakespeares Werk hat in Indien eine ebenso vielfältige wie wechselvolle Wirkungsgeschichte erfahren. Nirgendwo sonst wird er - in absoluten Zahlen gemessen - von so vielen Schülern gelesen. Seine Stücke sind nicht nur oft auf den Bühnen des Landes zu sehen, sondern finden sich auch als moderne Versionen in großen Bollywood-Produktionen wieder. Vishal Bhardwaj etwa war mit seinen Verfilmungen von "Macbeth" (Maqbool, 2004) und "Othello" (Omkara, 2006) bei Kritik wie Publikum gleichermaßen erfolgreich, ebenso die recht frei adaptierte "Hamlet"-Verfilmung von Vidhu Vinod Chopra (Eklavya, 2007).

Angesichts der 450. Wiederkehr von Shakespeares Geburtstag werden seine Stücke in der bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt heuer noch häufiger auf den Spielplänen stehen, Konferenzen zum Thema abgehalten und Publikationen gedruckt werden. Nach einigen Höhen und Tiefen, die die indische Shakespeare-Rezeption in der Vergangenheit durchlief, scheint der Barde in der Mitte der indischen Gesellschaft angekommen zu sein. Statt in elisabethanischen Kostümen treten seine Bühnenfiguren nun in farbenfrohen Saris auf und bedienen sich in der Darstellung aus dem reichen Fundus der Rasas, also der symbolträchtigen Gesten der traditionellen indischen Schauspielkunst.



Dabei hat er sich nicht nur optisch verändert, sondern auch im Sprachduktus, der angesichts der linguistischen Eigenheiten der indischen Sprachen längst die engen Grenzen des Pentameters gesprengt hat. Nach Übersetzungen in Hindi, Gujrati, Urdu, Tamil und Marathi liegt seit 2013 auch eine komplette Werk-Übersetzung in Punjabi vor.

Information

Carina Sulzer geboren 1962, lebt
als freie Publizistin in Wien; ihr besonderes Forschungsinteresse gilt
Shakespeare und der elisabethanischen Dichtung.

Mehr über den Barden im Shakespeare-Dossier.


Imperiales Erbe
Der Literaturwissenschafter Robert S. White schreibt in seinem Buch "Shakespeare’s Cinema of Crime" (2012) gar von einer "triumphalen Rückkehr" des Barden nach Indien. Denn das Verhältnis zu Shakespeare war nicht immer ungetrübt, schließlich waren es die Kolonisatoren des britischen Empire, die ihren Nationaldichter einst im Gepäck mitbrachten und seine Stücke, zunächst nur zur eigenen Unterhaltung, aufführen ließen.

Erst als man zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit dem Aufbau des am englischen Curriculum orientierten indischen Schulwesens begann, wurden Shakespeares Werke zum Bestandteil des Englisch-Unterrichts an höheren Schulen, fest verankert im Kulturimperialismus der Kolonialherrschaft. Fundierte Kenntnisse seiner Werke gehörten fortan zum Bildungskanon der reichen indischen Oberschicht wie auch der aufstiegsorientierten Mittelklasse.

Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1947 trat jedoch ein rasanter Wandel ein, denn das post-koloniale Indien ging entschlossen daran, jeglichen kulturimperialistischen Tendenzen ein Ende zu bereiten. Shakespeare schien diese förmlich zu personifizieren, waren es doch die viktorianisch geprägten Bildungseinrichtungen der Kolonialherren gewesen, die maßgeblich an der Vermittlung von Shakespeares Dramen mitwirkten. Nicht von ungefähr war der Gründungs-Ort der ersten Shakespeare-Gesellschaft in In-dien das um die Mitte des 19. Jahrhunderts von anglikanischen Missionaren gegründete St. Stephen’s College in Delhi, das sich durch personelle Unterstützung aus Cambridge bald zu einer bis heute ziemlich elitären Bildungsinstitution entwickelte. Wobei sich die auffallend hohe Zahl an anglikanischen Geistlichen unter den Gründungsvätern dieser Gesellschaft für einen möglichst jugendfreien Shakespeare verbürgt haben dürfte. Verständlich, dass Shakespeare für die breite Masse der indischen Bevölkerung zum Synonym für kulturimperialistische Arroganz wurde. Für viele um nationale Eigenständigkeit bemühte Inder sollte damit nach 1947 Schluss sein.

Shakespeare-Tourneen
Diese Zäsur bekamen nicht nur tausende britische Englisch-Lehrer, sondern auch zahlreiche Schauspieler zu spüren, die in Indien ihrem Broterwerb nachgegangen waren. Einer von ihnen, Geoffrey Kendal, beschrieb den Wandel sehr realitätsnah in seiner Autobiographie "The Shakespeare Wallah" (1987). Nachdem er sich Mitte der 1940er Jahre Indien zu seiner Wahlheimat erkoren hatte, erfreute sich Kendal mit seiner "Shakespearana Company" zunächst großer Erfolge sowie der Patronanz des sagenhaft reichen Maharadschas von Jaipur. Nach 1947 nahm das Interesse an englischsprachigen Inszenierungen jedoch rapide ab.

Doch der Bühnen-Veteran Kendal tourte weiterhin - zum Teil unter entwürdigenden Bedingungen - jahrzehntelang mit seinen Shakespeare-Produktionen durch Indien. Seine Erfahrungen aus jener Zeit - als die Werke fast nur mehr in Hindi aufgeführt wurden, sich die Maharadschas zu Hotelbesitzern wandelten und das Theater generell von Bollywood verdrängt zu werden drohte - lieferten die Vorlage zur in Indien gedrehten (und hierzulande erstmals auf der letzten Viennale gezeigten) US-Produktion "Shakespeare Wallah" aus dem Jahr 1965.

Inzwischen hat sich das Blatt wiederum gewendet. Das Verhältnis der Inder zu Shakespeare ist entspannter, die Distanz zum Original-Text geringer geworden. Viele Englisch-Professoren wollten sich nicht damit abfinden, dass Shakespeare seinen Stellenwert in ihrem Stundenplan verlieren sollte, um in übersetzter Form im Literatur-Unterricht wieder aufzutauchen. Wobei es gerade die Form war, an der die Kritik ansetzte: Bei den Übertragungen in die Landessprachen waren die Übersetzer nämlich mitunter recht selbstgestalterisch zu Werk gegangen.

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Schlagwörter

Shakespeare, Indien, Extra, Literatur

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Dokument erstellt am 2014-04-17 17:41:16
Letzte Änderung am 2014-04-19 10:53:43



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"Ein tiefer Fall führt oft zu höherm Glück." ("Cymbeline", vierter Akt, zweite Szene)

Edwin Booth als Hamlet (Hamlet, 1870).



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