• vom 18.04.2014, 17:37 Uhr

Shakespeare

Update: 18.04.2014, 17:37 Uhr

Shakespeare

Mit dem Atem von Königen




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Von Oliver vom Hove

  • Expeditionen an die Grenzen des Menschenmöglichen: Zu seinem 450. Geburtstag gratulieren wir uns selbst zu William Shakespeare.

Shakespeare 2013 im Wiener Burgtheater: König Lear (Klaus Maria Brandauer, M.), der Narr (Michael Maertens, l.), Graf Kent (Branko Samarovski). - © apa/Hans Klaus Techt

Shakespeare 2013 im Wiener Burgtheater: König Lear (Klaus Maria Brandauer, M.), der Narr (Michael Maertens, l.), Graf Kent (Branko Samarovski). © apa/Hans Klaus Techt

Abendstimmung im Shakespeare-Ort Stratford.

Abendstimmung im Shakespeare-Ort Stratford.© Tim Clayton/Corbis Abendstimmung im Shakespeare-Ort Stratford.© Tim Clayton/Corbis

Er war ein rastloser Weltenerschaffer, Menschenerfinder, Lebenserforscher. Einzigartiger Schöpfer des Himmels und der Erden im Bühnenrund. Ein unübertroffener Magier der Wortverzauberung. Kurz: Er war ein Genie.

Was ist ein Genie? Um das zu begreifen, so könnte man räsonieren, reicht schlichtweg alle Erkenntniskraft der Menschheitsgeschichte nicht aus. Jedenfalls ist ein Genie mehr als ein Universalist, der sich der instrumentellen Vernunft bedient. Das Genie ist vielmehr - ein Glücksfall der Evolution, ein Wunder der Natur.



Das Unergründliche

Information

Neuerscheinungen:

Hans-Dieter Gelfert: William Shakespeare in seiner Zeit. 480 Seiten, 26,70 Euro.

Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt. Aus dem Englischen von Klaus Binder. 352 S. mit 122 Abb., 30,80 Euro.

Beide im C.H. Beck Verlag, München 2014.



So sah es auch Victor Hugo. "Es gibt in der Tat Menschen, die sind auch Ozeane", staunte er einst in seinem Essay über Shakespeare. "Die Höllen und Paradiese der ewig bewegten Unermesslichkeit, das Unendliche, das Unergründliche, das alles kann in einem Geist sein: dann heißt dieser Geist Genius, Genie. Und es ist gleichgültig, ob man diese Geister betrachtet oder den Ozean." Später nennt Hugo "die Werke und Schöpfungen eines Genies etwas Übermenschliches, das von dem Menschen ausgeht". Und apodiktisch stellt er fest: "Die Genies sind eine Dynastie und eine andere gibt es nicht. Sie tragen alle Kronen, auch die Dornenkrone. Ein jeder unter ihnen repräsentiert die ganze Summe des Absoluten, das der Mensch verwirklichen kann."

Zu Shakespeare gibt es, 450 Jahre nach seiner Geburt, nichts Neues unter der Sonne. Außer dass die Wirkungsgeschichte dieses weltweit meistgespielten Dramatikers unentwegt neue Überraschungen birgt. Dass die Vielzahl der von ihm in Szene gesetzten Figuren sich fortwährend mit uns als Zeitgenossen, unseren Ansprüchen und Lebenserfahrungen, verändert. Dass zudem diese einzig aus Sprache erschaffenen Gestalten auch innerhalb der Stücke ständig ihr Gesicht wechseln. Dass sie, indem sie mit sich selber im Gespräch bleiben, sich als proteisch wandelbar zeigen.

Neu sind demnach die Menschenbilder, die aus Shakespeares Dramen, sei es beim Lesen, sei es beim Schauen, zu jeder Zeit in großer Fülle hervorquellen. Seine Stücke enthalten das, was Ezra Pound über die klassische Literatur im Allgemeinen gesagt hat: "News that stays news" ("Neuigkeiten, die Neuigkeiten bleiben").

Dass Shakespeare, dieser großmächtige Theaterzauberer, ein Mann aus dem Volk gewesen sein soll, gewissermaßen ein halbgebildeter Naturbursch, wie man annahm: das will manchem nicht in den Verstand. Dass kein hochgestellter Adliger oder hochgebildeter Universitätsabgänger, sondern ein Schauspieler-Dichter aus der Provinz sich als der beweglichste Geist der Bühnenkunst durchgesetzt hat, das störte von jeher manch zweiflerischen Literaturdetektiv und Amateurhistoriker. Nach und nach rückten sie mit den abstrusesten Theorien heraus, welche inkognito gebliebene Persönlichkeit statt dem Stratforder Shakespeare dessen 38 Stücke verfasst haben soll.

Zweifel und Fakten
Mehr als 60 Kandidaten wurden ins Treffen geführt. Ungesäumt reihen sich die Urheber solcher Verschwörungs-Mutmaßungen allesamt bei jenem legendären Shakespeare-Nachfahren Thomas Rymer ein, dem der zweifelhafte Ruhm zufällt, scheinbar klar dargelegt zu haben, weshalb Shakespeare nichts von der Tragödie verstand.

Immer wieder ist zu lesen, wie wenig man doch über diesen Stratforder Szenenerschütterer wisse. Aber das stimmt nicht. In Wahrheit hat der Gelehrtenfleiß über die Jahrhunderte bemerkenswert viele Zeugnisse seines Lebens und Wirkens aufgespürt - immerhin so viel, um die Zweifel an der Autorschaft dieses genialen Poeten an fast allen ihm zugeschriebenen Stücken als unerheblich abzutun.

Dass William als drittes Kind des Handschuhmachers John Shakespeare und dessen Frau Mary Arden in dem abgelegenen Landstädtchen Stratford am Avon in der Grafschaft Warwickshire, geboren wurde, wissen wir. Ungesichert ist nur der Tag. Vermerkt wurde die Taufe im Register der Holy Trinity Church in Stratford: am 26. April 1564.

Gute Schulbildung
An der Grammar School muss der Knabe Will eine ausgezeichnete Schulbildung erworben haben. Dank der aufgeklärten Politik der Tudors waren die Kleinstädte mit hervorragenden Schulen versorgt, an denen Lehrer unterrichteten, die ihr Wissen in Oxford und Cambridge erworben hatten. An der King’s New School in Stratford, einer Ganztagesschule, war der Schulbesuch unentgeltlich. Vermittelt wurde nahezu ausschließlich antike Bildung, Rhetorik eingeschlossen. An Shakespeares Werken lässt sich erkennen, wie gut er die klassische Literatur, besonders Vergil, Ovid und Horaz, im Original studiert hatte. Ben Jonsons spätere Schmähung, sein Dramatikerrivale verfüge über "weniger Latein und noch weniger Griechisch", war mit dem Neid dieses streitbaren Poeta doctus auf den erfolgreicheren Konkurrenten gewürzt.

Das nächste Dokument, das von William zeugt, stammt aus dem Winter 1582. 18-jährig heiratete er die sieben Jahre ältere Anne Hathaway, Tochter eines wohlhabenden Bauern. Im bischöflichen Register der Diözese Worcester ist das Aufgebot notiert, denn der noch minderjährige Bräutigam brauchte einen besonderen Dispens des Bischofs. Der Grund: Die Braut war schwanger. Sechs Monate später, im Mai 1583, kam die Tochter Susanna auf die Welt, zwei Jahre später, Anfang 1585, wurden die Zwillinge Judith und Hamnet geboren. Dann verliert sich die Spur des dreifachen jungen Vaters, bis er wieder in London auftaucht. Angeblich war er in Stratford als Wilddieb verfolgt worden - eine Legende, die ohne Wahrheitsbeweis durch die Jahrhunderte mitgeschleppt wird.

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Dokument erstellt am 2014-04-18 11:32:07
Letzte Änderung am 2014-04-18 17:37:48



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"Ein tiefer Fall führt oft zu höherm Glück." ("Cymbeline", vierter Akt, zweite Szene)

Edwin Booth als Hamlet (Hamlet, 1870).



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