• vom 01.02.2013, 00:00 Uhr

Spione

Update: 28.05.2013, 20:11 Uhr

Geschichte

Aufklärer hinter Masken




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Von Ernst Grabovszki

  • Wie Charles Sealsfield zum Spion Metternichs werden wollte

Als 1848 in Wien die Revolution ausbrach, richtete sich der Zorn der Massen auch gegen Metternichs Geheimbüro. (Bild: Zeitgenössische Karikatur zur Flucht Metternichs aus dem März 1848) Mit Hilfe des Postwesens schuf der Staatskanzler Österreichs ein nahezu lückenloses Netz der Überwachung.

Als 1848 in Wien die Revolution ausbrach, richtete sich der Zorn der Massen auch gegen Metternichs Geheimbüro. (Bild: Zeitgenössische Karikatur zur Flucht Metternichs aus dem März 1848) Mit Hilfe des Postwesens schuf der Staatskanzler Österreichs ein nahezu lückenloses Netz der Überwachung.© Wikicommons Als 1848 in Wien die Revolution ausbrach, richtete sich der Zorn der Massen auch gegen Metternichs Geheimbüro. (Bild: Zeitgenössische Karikatur zur Flucht Metternichs aus dem März 1848) Mit Hilfe des Postwesens schuf der Staatskanzler Österreichs ein nahezu lückenloses Netz der Überwachung.© Wikicommons

Wiesbaden, Hotel Vier Jahreszeiten, 29. August 1826. Ein 33-jähriger Mann namens Charles Sidons, eben aus den Vereinigten Staaten von Amerika nach Europa zurückgekehrt, ist auf der Durchreise. In einem Steckbrief, den die Polizei drei Jahre zuvor ausgestellt hat, wird er als "weder mager noch stark untersetzt" und seine Größe mit "mehr als mittelmäßig" beschrieben, sein Gesicht sei "länglich, doch voll, aber sehr blass und kränklich. Stirne und Blick zeugen öfter von Zerstreuung". Er spricht fließendes, doch keineswegs akzentfreies Englisch und bezeichnet sich als Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika.

Ein Verbrecher? Nein, aber jemand, der mit dem Gesetz in Konflikt geraten war - und mit seinem Gewissen.

Information

Ernst Grabovszki ist der Verfasser einer Biographie über Charles Sealsfield, die dieser Tage erschienen ist: "Zwischen Kutte und Maske. Das geheimnisvolle Leben des Charles Sealsfield" ( Biografische Bibliothek Styria-Pichler Verlag, Wien/Graz, 240 Seiten).

In diesem "Porträt eines Unbequemen und Rastlosen" wird Charles Sealsfield als Zeuge seines Jahrhunderts dargestellt, das die gesellschaftliche und politische Ordnung in Europa und den USA wegweisend mitbestimmt hat.


Der junge Mann heißt gar nicht Sidons, sondern nennt sich Charles Sealsfield. Und auch dieser Name ist eine Erfindung, denn hinter Sealsfield steckt der Prager Priester Carl Postl, Spross einer Bauernfamilie aus dem mährischen Dorf Poppitz. Ein Karrierist und Aufsteiger, könnte man meinen: Knapp nach seiner Priesterweihe wird er Sekretär des Vorstehers im Prager Kreuzherrenorden. Doch mit dem Ordensleben kann und will er sich nicht so recht arrangieren, und er sucht Kontakte zu adeligen Kreisen außerhalb der Klostermauern.

Aufbruch in die Neue Welt

Doch vermag er auch dem mondänen Leben Prags, das sich zu einer modernen Stadt mit prächtigen Boulevards entwickelt hat, aufgrund der restriktiven Politik Metternichs schon bald nichts mehr abzugewinnen. Als einer seiner Ordensbrüder im April 1823 eine Kurreise nach Karlsbad antritt, begleitet ihn Postl und nutzt die Gelegenheit - ein paar Tage später ist er verschwunden. Der Ordensvorsteher erstattet Anzeige, und eine Suchaktion der Polizei beginnt. Doch der Priester ist wie vom Erdboden verschluckt.

Längst hat er sich über die Schweiz nach England abgesetzt und auf den Weg Richtung Amerika gemacht, wo er drei Jahre lang bleibt - und Schriftsteller wird. In seinem Gepäck nach Europa hat er einen Reisebericht "Die Vereinigten Staaten von Amerika", den er Johann Friedrich Cotta, dem bedeutendsten deutschen Verleger seiner Zeit, angeboten hat.

Offenbar braucht Charles Sealsfield alias Carl Postl Geld. Und das lässt sich, so glaubt er, mit Metternichs Gutgläubigkeit verdienen. Dem Staatsmann tischt er in einem Brief eine gewagte Geschichte auf: Aus gut informierten Kreisen hätte er erfahren, dass revolutionäre Tendenzen von Ungarn aus auf Österreich übergreifen könnten. Weil die Angelegenheit größtmögliche Diskretion erfordere, schlägt er ein persönliches Treffen mit Metternich vor.

Ob dieser die Botschaft ernst nimmt? Er will sich zumindest Klarheit verschaffen und schickt seinen Vertrauensmann Philipp von Neumann ins Hotel Vier Jahreszeiten. Er, der sich ganz in Metternich'scher Spitzelmanier als "Weber" ausgibt, soll dem seltsamen Amerikaner auf den Zahn fühlen und prüfen, was hinter seiner Geschichte steckt: Engländer seien nach Ungarn eingeschleust worden, um mit regierungsoppositionellen Gruppen Kontakt aufzunehmen, mit einem Wort, Österreich sei in Gefahr - so zumindest stellt es Sealsfield dar.

Neumann beeindruckt diese Geschichte nicht, vor allem nachdem ihm sein Gesprächspartner anbietet, künftig Informationen aus Frankreich und England liefern zu wollen. Die Honorare dafür könnte man ihm monatlich oder jährlich auszahlen. Neumann ordert Informationen über Sealsfield aus Paris, doch den außenpolitischen Experten ist der windige Geschichtenerzähler unbekannt. Sealsfields Karriere als Spion findet ihr Ende, noch bevor sie begonnen hat.

Polemik gegen Metternich

Metternich und Sidons/Sealsfield/Postl - das war eine explosive Mischung. Warum hatte sich der Mann mit den vielen Masken in die Höhle des Löwen gewagt? Politische Überzeugung kann es nicht gewesen sein, denn wohl selten hat jemand so viel Geifer in die biedermeierliche Idylle geschüttet wie Sealsfield mit seinem Buch "Austria as it is, or Sketches of Continental Courts, by an Eye-Witness" (Österreich, wie es ist oder: Skizzen von Fürstenhöfen des Kontinents. Von einem Augenzeugen), das er 1828, also zwei Jahre nach der Begegnung mit Metternichs Vertrauensmann, wohlbedacht anonym in London erscheinen ließ. Das schmale Pamphlet ist dennoch eine kleine Bombe, die freilich an ihrem Hochgehen gehindert wird. Die "höchst anstößige Schmähschrift" erregt beim Präsidenten der obersten Polizeibehörde Österreichs Aufsehen. Das "dreiste, verleumderische Libell" (Büchlein) wird sofort verboten, sein Verkauf gilt als ein "in hohem Maße strafbares Verfahren" und wird "nicht bloß als Übertretung der allgemeinen Zensurgesetze, sondern auch als eine höchst unpatriotische Handlung" betrachtet.

Was steht in dem Buch? Sealsfield lässt den verhassten Metternich genüsslich ins Messer seiner Kritik laufen, indem er den Großteil von dessen politischen Maßnahmen disqualifiziert. Ansonsten hat er es auf ziemlich alle gesellschaftlichen und politischen Institutionen des Metternich'schen Systems abgesehen: Bildungseinrichtungen, Beamte, Lehrer, Polizei und das Spitzelwesen.

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Dokument erstellt am 2005-04-01 00:00:00
Letzte Änderung am 2013-05-28 20:11:33


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