• vom 13.02.2013, 12:43 Uhr

Spione

Update: 14.02.2013, 14:21 Uhr

Literatur

Der Spion, der zum Erzähler wurde




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Von Andrej Sokolow, dpa

  • John le Carré
  • Seit dem Ende des Kalten Krieges nimmt der britische Ex-Agent sich die dunklen Seiten der westlichen Gesellschaft vor

Berlin. Auch erfolgreichen Autoren von Spionage-Romanen fällt es meist schwer, als ernsthafte Schriftsteller wahrgenommen zu werden. John le Carré, der am 19. Oktober 80 wird, ist eine seltene Ausnahme. Seit der Brite vor fast 50 Jahren mit "Der Spion, der aus der Kälte kam" auf die literarische Bühne stürmte, gehört er zu den respektierten Autoren. Denn auch wenn in seinen Büchern Spione, Doppelagenten oder Waffenhändler agieren - das Leitmotiv der Geschichten sind immer Grundthemen des Lebens: Lügen, Liebe, Verrat.

Und le Carré ist ein Meister der Spannung. Leute, die im Dunkeln auf ihr Schicksal warten, den Herzschlag in der Kehle. Liebende, die vom Strudel der Ereignisse auseinandergerissen werden. Arglose Menschen, die in eine Spionage- oder Mafia-Affäre stolpern. Schaffen sie es, oder schaffen sie es nicht?, ist die Frage, die den Leser immer schneller eine Seite nach der anderen umblättern lässt. Manchmal ja, manchmal nein, zuletzt immer häufiger nicht. "Ich überbringe selten gute Botschaften", sagt le Carré augenzwinkernd.


"Wir lebten ständig in Lügen"

Die Kunst, Geschichten zu spinnen, wurde le Carré - mit vollem bürgerlichen Namen David John Moore Cornwell - in die Wiege gelegt, wenn auch auf eher dramatische Weise. Seine Mutter, eine Schauspielerin, verschwand aus der Familie, als er fünf Jahre alt war. Sein Vater war ein Hochstapler, der zwischen erschwindeltem Reichtum und Knast pendelte und sich viel später manchmal auch für seinen Sohn, den berühmten Schriftsteller, ausgab, um Frauen zu beeindrucken. "Wir lebten ständig in Lügen", erinnerte sich le Carré. "Da hieß es, mein Vater war im Urlaub. Nur, dass er nicht im Urlaub war, sondern im Gefängnis." Überall sah er Verschwörung und Verrat.

Dieser Lebensanfang bescherte David Cornwell eine unbändige Fantasie - und ein Streben nach Stabilität, das ihn in die Arme des britischen Geheimdienstes trieb. In den 50er Jahren kam er unter Diplomaten-Deckmantel nach Deutschland, war als Agent aber nicht sonderlich erfolgreich. Eines Tages sollte er einen Gegenspieler von den Sowjets bei sich zuhause als möglichen Doppelagenten durchfühlen. "Der Russe kam, trank Wodka, spielte Cello - und sagte den ganzen Abend kein Wort. War das ein Reinfall!", erinnert er sich. Ein anderes Mal tauchte ein heldenhafter Agent von der Gegenseite, auf den er warten sollte, schlicht nie auf. Wer weiß, was aus dem Geheimdienstler Cornwell geworden wäre, doch dann kam "Der Spion, der aus der Kälte kam".

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Schlagwörter

Literatur, Spionage, Spion

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Dokument erstellt am 2013-02-13 12:44:37
Letzte Änderung am 2013-02-14 14:21:52


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