• vom 17.01.2018, 07:00 Uhr

Stadtentwicklung

Update: 11.04.2018, 09:42 Uhr

Urban Mining

Für ein Leben nach dem Abbruch




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Von Barbara Sorge

  • Mit dem Baukarussell werden Bauteile und Gebäude-Inhalte aus Abrisshäusern weiterverwendet.

... mangels Wiederverwendungskonzept auf der Müllhalde. - © Baukarussell

... mangels Wiederverwendungskonzept auf der Müllhalde. © Baukarussell



Aus neu mach alt. Funktionstüchtige Fenster landen ...

Aus neu mach alt. Funktionstüchtige Fenster landen ...© Baukarussell Aus neu mach alt. Funktionstüchtige Fenster landen ...© Baukarussell

Wien. 2500 Fensterelemente waren in dem Gebäude am Kapellenweg in der Donaustadt. Das Haus beherbergte einstmals das Schwesternheim des daneben liegenden Donauspitals. Jetzt entstehen dort Wohnungen, und das Haus wurde abgerissen. Mit allem Drum und Dran. Inklusive der funktionstüchtigen Fenster. Aus brauchbar wurde Abfall. Dabei ginge es auch anders. Das Baukarussell hatte für dieses Gebäude ein Konzept erarbeitet, das es ermöglicht hätte, die Fenster am gleichen Ort im neuen Haus wieder zu verwenden. Auch die bestehende Tiefgarage war so eingeplant, dass sie weiter verwendet werden konnte. Auch sie wurde abgerissen. Der Bauträgerwettbewerb wurde zugunsten des Mitbewerbers entschieden. Laut Dieter Groschopf, stellvertretender Geschäftsführer des ausschreibenden Wohnfonds, wurden bei diesem die vier notwendigen Qualitäten insgesamt besser erfüllt.



Größter Abfallproduzent Bau

Laut Bundesabfallwirtschaftsplan machten Bau- und Abbruchabfälle 2015 mit rund 10 Millionen Tonnen 16,7 Prozent des gesamten Müllaufkommens aus. Das waren um 46 Prozent mehr Bau- und Abbruchabfälle als 2009. Kein anderer Abfallbereich stieg in dieser Zeit so stark an. Gemeinsam mit den Aushubmaterialien kommt die Bauwirtschaft auf 71,5 Prozent des gesamten Abfallaufkommens. Hier lässt sich wohl noch an der einen oder anderen Schraube drehen, um Abfall zu vermeiden. Immerhin schreibt die Recycling-Baustoffverordnung 2016 vor, dass Bauteile, die wiederverwendet werden können und nach denen eine Nachfrage besteht, ausgebaut werden müssen. Zumindest bei jedem Abbruch, der größer als 3500 Kubikmeter oder 750 Tonnen ist. Das ist zum Beispiel ein Doppelwohnhaus.

Verwenden statt Verschwenden

In diese Kerbe schlägt das Baukarussell. Das ist ein Projektkonsortium, in dem seit 2016 Vertreter aus unter anderem Architektur und Forschung sowie sozialökonomische Betriebe zusammen arbeiten, um die Wiederverwendung, das Re-Use, von Bauteilen zu ermöglichen. "Wir bieten an den verwertungsorientierten Rückbau mit besonderer Berücksichtigung der Wiederverwendung", erklärt Markus Meissner vom Österreichischen Ökologie-Institut und Projektkoordinator des Baukarussells im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Für ihn ist es das Um und Auf, das Gebäude genau zu kennen. Die genaue Erfassung der Materialien im so genannten Schad- und Störstoff-Gutachten erleichtert die Gewinnung von Recyclingbaustoffen und die Wiederverwendung oder Verwertung auch ganzer Bauteile. So können sie konkret angeboten und eine Nachfrage geschaffen werden. "Die Kosten von 3000-5000 Euro verteuern das Projekt nicht, wenn man die gesamte Wertschöpfung betrachtet. Ich kann mit diesen Informationen eine viel präzisere Ausschreibung formulieren und weiß später genau, was wann zu passieren hat. Ich kann viel besser planen, wenn ich zum Beispiel weiß, wo genau die Minerale drinnen sind."

Zwei Praxisbeispiele

Wie das in der Praxis aussehen kann, konnte das Baukarussell inzwischen auf zwei Baustellen beweisen. In Favoriten entsteht auf dem ehemaligen Coca-Cola-Areal die "Biotope City". Bevor das alte Werk abgerissen wurde, wurde das Baukarussell aktiv. Beim Abbruch vorbereitenden Rückbau wurde genau geschaut, was es alles an Ressourcen im alten Gebäude gibt und ob bzw. wie diese weiter verwendet werden können. Durch umweltgerechte, manuelle Demontage, Re-Use und Recycling konnten dort 100.000 Euro Umsatz generiert werden. Ausgebaute Teile wurden verkauft und mit der Leistung der Transitarbeitskräfte des Baukarussells gegenverrechnet. 5000 gebrauchte Dachplatten für die Wärmedämmung wurden für den Neubau des Biotope City Quartiers bereitgestellt. Auch 3000 Quadratmeter Dachbegrünung kommen auf dem neuen Areal zum Einsatz. Insgesamt wurden auf diese Weise 450 Tonnen Abfall vermieden.

Auch im "Glaspalast" an der Zweierlinie hat das Baukarussell gearbeitet. Hier konnten vor dem Abbruch rund 74 Tonnen Abfall stofflich verwertet, also recyclet, werden. Alleine vom Aluminium gab es vier verschiedene Sorten. 50.000 Euro Umsatz wurden in diesem Projekt durch Wertstoffentnahme und Verkauf erzielt.

Soziale Aspekte

Der Ausbau der Teile erfolgt in teils mühevoller Handarbeit. Müssen doch die mineralischen Fraktionen von zum Beispiel Gipskartonwänden und Vollholzparkett oder auch Neonröhren oder Fenstern getrennt werden, damit der Abbruch erfolgen und die Abbruchabfälle verwertet werden können. Die Arbeitskräfte, die das Baukarussell dazu einsetzt, kommen aus sozialwirtschaftlichen Unternehmen. Sie erhalten damit Qualifizierung, Jobtraining und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Alleine für die beiden Pilotprojekte wurden bereits rund 10.000 Arbeitsstunden eingesetzt. Matthias Neitsch vom Re-Use-Netzwerk "RepaNet" sagte in einer Aussendung im Sommer 2017, dass in Österreich langfristig bis zu 9000 neue Jobs durch die Etablierung von Projekten wie BauKarussell entstehen könnten.

Urban Mining als Schritt…

Doch die Wiederverwendung ist nicht das Ende. Das Ziel ist die Kreislaufwirtschaft. Leben wir doch in einer Anhäufungsgesellschaft, wie Anfang 2017 eine Studie des Instituts für Soziale Ökologie der Uni Klagenfurt ergab. Dabei wurde erstmals abgeschätzt, wie viel Material weltweit in Gebäuden und Infrastrukturen gebunden ist.

800 Milliarden Tonnen sind es. Diese Ressourcen werden schon seit einigen Jahren wieder gehoben, Urban Mining ist ein Trend-Begriff. Für Thomas Romm ist er mehr. Der Architekt hat sich schon in seiner Abschlussarbeit mit der Wiederverwendung von Bauteilen auseinander gesetzt. Eines der Projekte, an denen er federführend beteiligt war, ist die Waldmühle Rodaun. In den Wohnbauten lebt das alte Zementwerk weiter. Auch in der Seestadt hat sich der Architekt umgetan. Ihm ist es zu verdanken, dass es Tausende weniger LKW-Fahrten gab. So musste der Kies, der für den See und die Baugruben ausgehoben wurde, nicht als Abfall abtransportiert werden, sondern konnte im eigens errichteten Ortbetonwerk aufbereitet und wiederverwendet werden.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-16 09:22:58
Letzte Änderung am 2018-04-11 09:42:19


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