Wien. Wenn Dietmar Steiner (67) auf einer europäischen Landkarte überall dort ein Fähnchen stecken würde, wo ein Bau steht, bei dem er zumindest im Hintergrund mitwirkte, dann wäre das Feld ziemlich ausgefüllt. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" spricht er nun darüber, dass man das Bauen stoppen sollte - zumindest in seiner derzeitigen Form, die vor allem auf Kosten der Umwelt geht.

"Wiener Zeitung": Wenn es gegen das Bauen geht, haben Sie viel zu sagen - dabei sind sie ja Architekt. Wie geht das zusammen?

Dietmar Steiner: Die hohen Standards von Technik und Komfort werden immer mehr zu einer Last. Tatsächlich sieht man, dass die Häuser immer massiver werden - vom Gebäudegrundriss bis hin zum Fensterrahmen. Dazu tragen laufend verschärfte Vorschriften ebenso wie die nicht mehr hinterfragten Konventionen der Immobilienbranche bei.

Was schlagen Sie vor?

Es geht um Reduktion des Aufwands, die Benutzung weniger, aber langlebiger Güter des täglichen Bedarfs, eine Vereinfachung des Bauens, und um die Vermeidung jedes Neubaus zugunsten der Nutzung des Bestandes.

Wie soll das funktionieren?

Dazu müsste sich die zeitgenössische Architektur radikal ändern. Sie müsste ihrem derzeit herrschenden bewusstlosen technologischen Modernismus abschwören. Sie müsste zurück zu traditionellen Baumethoden und Techniken, zu einer Kultur des Bauens der alten Meister.

Aus Lehm kann man aber keine Hochhäuser bauen - oder?

Also ich weiß bis heute nicht, warum man etwa auf der arabischen Halbinsel Hochhäuser baut. Die haben keine Bodenknappheit. Da ist Platz genug für traditionelles Bauen. Trotzdem entsteht dort ein Hochhaus nach dem anderen. Und für diesen Immobilien-Boom importiert man australischen Sand, um genug Beton mischen zu können. Anderes Extrembeispiel Singapur: Ein sehr kleiner Stadtstaat, der nicht akzeptieren will, dass seine Fläche limitiert ist, und deswegen Aufschüttungen im Meer macht und dafür illegal aus Kambodscha Sand mit Schmugglern holt. China hat die letzten drei Jahren mehr Zement verbraucht als die USA im ganzen 20. Jahrhundert. Viele wissen das gar nicht, aber Sand ist zu einem globalen Ressourcenproblem geworden. Das heißt: Man sollte nicht nur ressourcenschonend bauen, sondern sich auch den jeweiligen klimatischen Begebenheiten anpassen.

Es gibt doch genug Wüstensand?

Der ist für die Betonmischung zu glatt geschliffen. Es gibt aber bereits Versuche, Wüstensand mit Kunststoff anzureichern, damit man ihn verwenden kann. Anstatt ihn so zu verwenden, wie man ihn jahrtausendelang verwendet hatte, nämlich für den Lehmbau.