Mit 1. Jänner dieses Jahres ist die Sterbehilfe in Österreich erlaubt, und auch das Sterbeverfügungsgesetz trat mit diesem Tag in Kraft. Gäbe es Zweiteres nicht, wäre das Verbot der Mitwirkung am Suizid so oder so gefallen - der Verfassungsgerichtshof (VfGH) hob dieses im Dezember 2020 als verfassungswidrig auf. Die Tötung auf Verlangen (§ 77 Strafgesetzbuch) ist nach wie vor verboten, und das medizinisch begleitete Sterbenlassen etwa durch das Ausschalten der lebenserhaltenden Maschinen war schon davor erlaubt. Durch die Legalisierung der Mitwirkung am Suizid steht Österreichs Gesellschaft nun vor einer völlig neuen Situation. Es liegt an ihr, was sie daraus macht. Darum dürfe der gesellschaftliche Diskurs zu den Fragen der Menschenwürde und der Menschenrechte auch nach dem Gesetzesbeschluss nicht abreißen, meint die Psychiaterin Karin Gutiérrez-Lobos im Interview. Vor allem in der Ausbildung der Gesundheitsberufe müsse man die Sterbehilfe nun umso mehr thematisieren.

"Wiener Zeitung": Falls jemand Hilfe beim Sterben sucht - welche Art von Hilfeschrei ist das?

Karin Gutiérrez-Lobos: Suizidalität ist etwas Ambivalentes. Der Wunsch kann einmal da sein, kann sich dann auch wieder ins Gegenteil kehren. Akute Lebenskrisen wie Trennungen oder Jobverlust können mit Suizidvorstellungen verbunden sein. Wenn hier mit entsprechender Expertise geholfen wird, bleibt das aber meist ein einmaliges Ereignis. Falls Menschen jedoch besonders große Schmerzen haben, die zu Einschränkungen führen, und sie zum Beispiel ganz basale Alltagssituationen wie die Intimpflege nicht mehr selbst meistern können, dann macht das etwas mit ihnen. Das führt zu tiefer Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit. Denn sie können das, was sie für sich als gutes Leben definiert hatten, nicht mehr selbständig ausführen. In der Folge kommt es zur Frage der Identität: Wer bin ich - für mich und für andere? Welchen Wert habe ich? Im Vordergrund steht also vor allem die Angst nicht nur vor Schmerzen, sondern auch vor Hilflosigkeit. Genau diese Gruppe betrifft ja die Sterbeverfügung, die laut Gesetz nur eine Person errichten kann, die an einer unheilbaren, zum Tod führenden Krankheit leidet oder unter anhaltenden, lebensbeeinträchtigenden Symptomen.

Karin Gutiérrez-Lobos ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie an der MedUni Wien, wo sie auch Vizerektorin für Lehre, Gender und Diversity war. Zudem war sie ärztliche Direktorin der Rudolfstiftung. 
- © privat

Karin Gutiérrez-Lobos ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie an der MedUni Wien, wo sie auch Vizerektorin für Lehre, Gender und Diversity war. Zudem war sie ärztliche Direktorin der Rudolfstiftung.

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"Welchen Wert habe ich?" Inwieweit ist bei der Antwort auf diese Frage die Haltung einer Gesellschaft gegenüber den Schwächeren in Hinblick auf die Sterbehilfe ausschlaggebend?

Für Österreich bewegen wir uns hier noch im Hypothetischen. Aus Ländern wie etwa der Schweiz, wo der assistierte Suizid schon früher legalisiert wurde, wissen wir aber, dass dieser oft prophezeite Dammbruch bei den Suizidraten danach nicht stattgefunden hat. Ich glaube aber, dass es notwendig sein wird, den gesellschaftlichen Diskurs zu diesem Thema weiterzuführen. Vor allem in der Ausbildung der Gesundheitsberufe muss die Sterbehilfe ein ganz wichtiges Thema sein. Man muss hier offen über die Fragen der Menschenwürde und Menschenrechte diskutieren. In allererster Linie müssen wir dafür sorgen, dass ein gleichberechtigtes Leben für alle im Sinne der Menschenrechtskonvention stattfinden kann. Die Ausweitung der Palliativ- und Hospizversorgung fällt hier natürlich auch hinein und gehört umgesetzt.

Für den Palliativ- und Hospizausbau soll es ja künftig eine höhere Drittelfinanzierung durch Bund, Länder und Gemeinden geben, das Angebot ist aber erst zur Hälfte umgesetzt. Kam das VfGH-Erkenntnis zu früh?

Nein, in Österreich wurde schon lange darüber diskutiert, und das Sterbeverfügungsgesetz ist ein Kompromiss mit vielen Zwischenschritten. Es ist gut, dass die Palliativversorgung laufend aufgerüstet wird, aber auch die psychotherapeutische Begleitung im Krankenhaus schon im Vorfeld sollte ausgebaut werden. Denn ganz wichtig ist nun, Menschen zum Beispiel nach einem schweren Unfall oder bei einer Krebsdiagnose von Beginn an und gleichzeitig psychotherapeutische Hilfe anzubieten. Es geht darum, auszuloten, wo das große Leiden liegt, und dann mit dem Betroffenen zu erarbeiten, in welche Richtung er sich entwickeln kann - und dass man ihm dabei eine Stütze ist. Denn man kann Körper und Psyche nicht trennen.

Wäre es sinnvoll, dass beim Aufklärungsgespräch des Suizidwilligen, das die Voraussetzung für die Sterbeverfügung ist, auch ein Psychiater dabei ist? Ein Arzt dieser zwei Ärzte muss ja ein Palliativmediziner sein, die Fachrichtung des zweiten ist nicht näher definiert.

Ich glaube, es sollte auf jeden Fall jemand sein, der weiß, was es bedeutet, Schmerzen und Beeinträchtigungen zu haben, und der ein Verständnis davon hat, wie sich das psychisch auswirkt. Das können durchaus auch andere Ärzte mit psychotherapeutischer oder psychosomatischer Kompetenz sein.

Was macht das Wissen, jemandem beim Suizid geholfen zu haben, mit den Hilfeleistern selbst?

Wie beim Umgang mit Schmerzen und Leid ist das sehr individuell. Es ist aber immer eine schwierige Situation, und als Angehöriger sollte man kurzzeitig psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Ärzte und Apotheker sind laut Gesetz nicht verpflichtet, an der Sterbehilfe mitzuwirken, was ein wichtiger Punkt ist. Bei den Ärzten geht es nun darum, selbst eine Haltung zum Thema Sterbehilfe zu finden.

Letztendlich ist der individuelle Wunsch einer Person zu akzeptieren und dessen Vorstellung davon, was ein gutes Leben ist und was ein guter Tod. Aber davor sollte man gemeinsam sämtliche Möglichkeiten zum Beispiel der Schmerzlinderung ausführlich durchgegangen sein.