Herbert Watzke: "Fast alle Menschen wollen die Wahrheit über sich erfahren, wollen wissen, wie lange sie noch zu leben haben." Foto: Ginzel
Herbert Watzke: "Fast alle Menschen wollen die Wahrheit über sich erfahren, wollen wissen, wie lange sie noch zu leben haben." Foto: Ginzel

Wiener Zeitung: Herr Prof. Watzke, auf Ihre Palliativstation im Wiener Allgemeinen Krankenhaus kommen sogenannte austherapierte Patienten, also Patienten, bei denen keine Chance mehr auf Heilung besteht. Wie können Sie diesen Menschen noch helfen?

Herbert Watzke: Sie haben in Ihrer Frage schon ein Reizwort genannt: austherapiert . Damit wird ja meistens ausgedrückt, dass etwa eine Krebserkrankung schon so weit fortgeschritten ist, dass keine Medikamente mehr helfen. Wenn das der Fall ist, wenn also das Karzinom nicht mehr zurückgedrängt werden kann, ist der Patient aber nicht "austherapiert". Ganz im Gegenteil: er benötigt dann andere Therapien, die seine Beschwerden in dieser körperlich und seelisch schwierigen Situation lindern können. Wir füllen dieses vermeintliche therapeutische Vakuum. Palliare heißt schützen: Wir legen gleichsam einen schützenden Mantel um den Patienten, der sich in einer existenziellen Krise befindet. Er hat eine Erkrankung, die mittelbar zum Tod führen wird, sei es in fünf Wochen oder in fünf Jahren. Wir wollen diesem Menschen in erster Linie helfen, sich neu zu orientieren. Er ist nämlich in der Regel ganz auf seinen Tumor fixiert. Wir wollen ihm vermitteln, dass es jenseits des Tumors und seiner Krankheit auch noch ein Leben gibt.

Palliativmedizin wird landläufig mit Schmerzbekämpfung gleichgesetzt. Welche Bereiche und Aufgaben umfasst sie darüber hinaus?

Die Palliativmedizin umfasst vier Felder: Sie kümmert sich um die körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Belange des Patienten. Wir arbeiten hier, wie es für jede Palliativstation vorgeschrieben ist, in einem interdisziplinären Team mit Krankenpflegern, Psychologen, Sozialarbeitern und Seelsorgern. Schmerzen sind heute sehr gut behandelbar. Es wäre übertrieben zu sagen, dass Patienten gar keine Schmerzen mehr zu erleiden hätten, aber wir schaffen es, die Schmerzen weitgehend zurückzudrängen. Aus langjähriger Erfahrung kann ich sagen, dass das größte Problem für schwerkranke Patienten am Lebensende ungelöste familiäre Konflikte sind. Das belastet sie sehr. Was sich da über Jahre und Jahrzehnte eingegraben hat und möglicherweise nur oberflächlich gekittet wurde, das bricht nun auf, und auch wir vom Team können in der Regel die Konflikte nicht lösen.

Welchen Stellenwert hat die Palliativmedizin in Österreich im Vergleich zum Ausland?

Wir haben in Österreich spät mit der Palliativmedizin begonnen - federführend waren diesbezüglich England, die skandinavischen Länder und Holland -, doch in kurzer Zeit große Fortschritte gemacht. Es gibt einen Plan, wie die palliative Versorgung österreichweit ausgebaut werden soll, ein Plan, um den uns andere Länder beneiden. Am Eingang des AKH steht das Motto: "AKH Wien. Die menschliche Größe". Dass sich die Medizin auch für das Lebensende zuständig fühlt, ist heute Konsens, gehört gewissermaßen zur Political Correctness.

Ist das Lebensende ein Bereich, wo noch Fragen offen sind und Forschungsbedarf besteht?

Ja, wir wissen beispielsweise sehr wenig darüber, was der Mensch in seinen letzten zwei, drei Tagen vor dem Tod, wenn er bereits sein Bewusstsein verloren hat und sich nicht mehr äußern kann, empfindet. Hat er Schmerzen? Müssen wir die Schmerzmittel vielleicht höher dosieren? Soll ihm Flüssigkeit zugeführt werden - oder ist seine Flüssigkeits- und Nahrungsverweigerung bereits Teil des Sterbeprozesses? Wir agieren hier in einem Bereich, wo wir sehr wenig wissen. Um diese offenen Fragen zu klären, führen wir im Augenblick eine große Untersuchung durch, die uns mehr Aufschluss über die Regulation des autonomen Nervensystems liefern soll. Uns interessiert vor allem: Gibt es in dieser finalen Phase noch ein Wohlfühlen, und wenn ja, wie kann es positiv beeinflusst werden?

Wie verhalten sich sterbenskranke Menschen? Sind sie wütend, verzweifelt oder gelassen?

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Als Nicht-Geburtshelfer sage ich: Der Mensch kommt auf ziemlich uniforme Art auf die Welt, durch den Geburtskanal, und verlässt sie auf ganz unterschiedlichen Wegen - durch den Kanal kommt er, übers Meer schwimmt er wieder hinaus. Viele Menschen können bis zuletzt nicht loslassen und wollen nicht wahrhaben, dass sie sterben werden. Wir hatten hier aber auch einmal eine ältere Patientin, die offen über ihren Tod gesprochen hat. Was sie in ihren letzten Lebenstagen zu sich nahm, waren ausschließlich Sekt-Orange und Soletti. Sie starb dann sehr friedlich.

Wut ist eine natürliche Reaktion auf ein traumatisches Ereignis. Die Menschen stellen sich die Frage: Warum passiert gerade mir das? Warum muss gerade ich sterben? Sie richten Aggressionen gegen sich und ihre Mitmenschen. Das ist ein natürlicher Verarbeitungsprozess, und unser Personal ist geschult, die Aggressionen aufzufangen. Unglaublich, aber wahr: Fast alle Menschen wollen die Wahrheit über sich erfahren, wollen wissen, wie es um sie steht und wie lange sie noch zu leben haben.

Sagen Sie das auch den Patienten? Wie sicher sind denn solche Prognosen?