Doch was ist mit denen, die zurückbleiben? Für die, die erlebt haben, wie jemand, der nahe ist, stirbt, geht das Leben einfach weiter - muss weitergehen. "Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben", beschrieb die Dichterin Mascha Kaleko die Trauer. Dazu gehört die Unmöglichkeit, den Tod eines geliebten Menschen als unabänderliche Tatsache zu begreifen. Joyce Carol Oates, die bisher eine klare Linie zwischen Leben und Werk gezogen hat, überschreitet in "Meine Zeit der Trauer" zum ersten Mal diese Grenze: Die renommierte US-Schriftstellerin erzählt von ihrem Leben als Witwe, die sie nicht sein will, genauso wenig wie sie nie alleine für ihr Leben, für den Alltag verantwortlich sein wollte. Mit ihrem neuesten autobiographischen Buch verarbeitet die 73-Jährige den Verlust ihres Mannes Ray Smith, mit dem sie 47 Jahre verheiratet war. Smith, der einen kleinen Verlag leitete und gemeinsam mit seiner Frau eine Literaturzeitschrift herausgab, starb im Februar 2008 mit 77 Jahren überraschend an den Folgen einer Lungenentzündung. Oates beschreibt eindringlich ihre Verzweiflung über das Unabänderliche, wie sie zunächst die Stunden nach dem Tod ihres Mannes zählt und solche sinnlosen Berechnungen einen großen Teil ihrer Energie beanspruchen. "Das Bild eines Abflusses bietet sich an, in dem sich alles mögliche Geröll angesammelt hat. Und jetzt, da ich erschüttert bin wie noch nie in meinem Leben, häuft sich das Geröll wie nach einem Sturm. Fast alles rauscht unterschiedslos hindurch, ist größtenteils sinnlos, vergeblich und kostet nur Kraft."

Es ist ein sehr persönlicher Bericht, der überraschenderweise auch davon erzählt, dass Smith kein einziges der Bücher seiner Frau jemals gelesen hat. Oates, die sich, abgemagert und fast abhängig von Schlafmitteln, über Monate außerstande sieht, ihren Alltag zu bewältigen, findet schließlich langsam ins Leben zurück. Zu den zahllosen Pflichten, die eine Witwe dem Tod gegenüber habe, sei im Grunde nur eine "von Belang". "Am ersten Todestag ihres Mannes sollte die Witwe denken: Ich lebe noch."

Für Gian Domenico Borasio, Jahrgang 1962, ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit "die beste Gewähr für ein gutes Leben". Wenn es danach geht, ist es um die Aussichten für Torsten Körner nicht schlecht bestellt. Denn nach der für ihn schmerzhaften Erfahrung beim Tod der alten Dame beschließt er, künftig genau hinzuschauen, wenn es ans Sterben geht. In seinem nachdenklichen und bisweilen heiteren Buch "Probeliegen. Geschichten vom Tod" sucht er ganz bewusst Orte des Todes auf, besucht Krankenhäuser, Hospize und Altersheime, arbeitet als Sargträger und Totengräber.

Körner gelangt letztlich zu der Erkenntnis: "Es ist ein Geschenk, dem Tod zu begegnen, wenn man es sich selbst aussucht." Das ist für eine Gesellschaft, in der das von vielen gefürchtete Ende des Lebens zwar stets aktuell, der Tod jedoch zumindest teilweise sogar als Feind empfunden wird, nicht wenig.

Sonja Panthöfer, geboren 1967, lebt und arbeitet als Journalistin und Coach in München.

Literatur:

Gian Domenico Borasio: Über das Sterben. Verlag C.H.Beck, München 2011

Torsten Körner: Probeliegen. Geschichten vom Tod. Scherz, Frankfurt am Main 2011

Joyce Carol Oates: Meine Zeit der Trauer. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011.