Sie erwähnten selbst das "individuelle Selbstbestimmungsrecht". Wird dieses nicht durch ein umfassendes Sterbehilfe-Verbot verletzt und das Leiden von zum Beispiel lebensmüden Schwerstkranken verlängert?

Nein, weil ihnen ja nicht vorgeschrieben wird, was sie selbst tun sollen oder nicht tun dürfen. Das Recht auf Selbstbestimmung räumt jedoch einem Menschen nicht das Recht ein, einen anderen dazu zu verpflichten oder von ihm zu verlangen, ihn vom Leben zum Tod zu befördern. Auch ein Recht oder ein Anspruch an den Staat, so etwas zuzulassen, kann im Selbstbestimmungsrecht nicht enthalten sein.

Mit dem geplanten Sterbehilfe-Verbot soll in Österreich ein Rechtsanspruch auf Sterbebegleitung, also palliativmedizinische Betreuung verknüpft werden. Was ist davon zu erwarten?

Dieser Rechtsanspruch ist großartig. Allerdings darf er nicht auf dem Papier stehen bleiben. Ausbildung von Ärzten, Pflegern in Krankenhäusern und Alten- beziehungsweise Pflegeheimen, aber auch stationäre Hospize und häusliche Hospizdienste sind dann flächendeckend nötig. Das kostet Geld, Zeit und Engagement. Außerdem müssen viele Menschen, Frauen und Männer, bereit sein, sich selbst als ehrenamtliche Sterbebegleiter einzubringen. Das ist eine wichtige, eine menschlich großartige Aufgabe, die belastet, aber auch viel bringt.

Sie sind Schirmherrin der deutschen Hospizbewegung (DHPV). Sehen Sie den Wunsch nach Sterben in Würde in Krisenzeiten wie diesen in Europa bedroht?

Heute höre ich immer wieder, dass viele Menschen Angst davor haben, hilflos neuen medizinischen Geräten und Behandlungsmöglichkeiten ausgeliefert zu sein, die nur das Sterben verlängern. Hier kann man durch Patientenverfügungen klarstellen, dass man eine Verlängerung des Sterbens nicht akzeptiert. Daran müssen sich dann alle halten. Leider beschäftigen sich immer noch nicht genügend Menschen rechtzeitig und ausreichend mit den heutigen Hilfsmöglichkeiten der Palliativmedizin und der hospizlichen Sterbebegleitung. Ich hoffe, dass das künftig mehr werden. Informationen können Angst lindern, Selbstbestimmung stärken und so dabei helfen, Sterben in Würde zu sichern.

Zur Person

Herta

Däubler-

Gmelin

war in der deutschen Bundesregierung 1998-2002 SPD-Justizministerin. Sie ist Schirmherrin der Deutschen Hospizbewegung, Vorsitzende des Ausschusses für Rechtsangelegenheiten und Menschenrechte der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, Gastprofessorin in Berlin, Aachen und Shanghai sowie Beraterin in Verfassungs-, Völkerrechts- und Menschenrechtsfragen in China, Tunesien, Syrien und Jemen.