Herta St. und Anna B. wohnen seit rund einem Jahr im Kolping-Haus Favoriten und sind froh, nicht allein zu sein. - © Stanislav Jenis
Herta St. und Anna B. wohnen seit rund einem Jahr im Kolping-Haus Favoriten und sind froh, nicht allein zu sein. - © Stanislav Jenis

Wien. Niemand soll alleine sterben müssen - darüber ist sich das neue Palliativ-Team des Kolping-Hauses in Favoriten einig. Ein Jahr lang wurde an einem Konzept gearbeitet, wie man alte Menschen am besten betreut und begleitet. Die Hälfte aller Mitarbeiter hat bereits eine interdisziplinäre Palliativschulung absolviert. Eine Medizinerin, eine Pflegerin, ein Seelsorger, eine Lebensqualität-Managerin arbeiten in einem Haus, wo nicht nur alte, sondern auch junge Menschen leben. Es ist eines der zwei von der Stadt finanzierten "Gemeinsam leben"-Häuser in Wien.

Der alte Mann mit dem kurzgeschnittenen grauen Haar streckt seine Hand aus. Elisabeth Purth ergreift sie und fragt nach, wie es heute so gehe. Das macht die Pflegedienstleiterin der beiden Kolping-Häuser bei weiteren Bewohnern. "Die Bewohner sagen uns, was sie brauchen, und wir helfen im Team, dass jeder seinen Weg gehen kann", sagt sie. Das neue Team ist motiviert. "Das Wort Palliativ ist noch immer negativ besetzt", sagt Hausärztin Kunigunde Sperlich. Die Palliativ-Medizin sei erst im Kommen. Es gehe darum, dass Menschen mit chronischen Leiden, die nicht mehr geheilt werden können, von einem Team aufgefangen werden. Es gehe um Linderung von Schmerzen und Erfahrung von Lebensqualität auch am Ende des Lebens.

Das Pflegehaus in Favoriten gleicht einem Wohnhaus.
Das Pflegehaus in Favoriten gleicht einem Wohnhaus.

Statt der Diskussion über Sterbehilfe sollte die Palliativ-Medizin ausgebaut werden. "Der Mensch gibt sich nicht das Leben und er darf es sich auch nicht nehmen", ist Präses und Seelsorger Ludwig Zack, auf dessen Initiative diese Häuser entwickelt wurden, überzeugt. "Wir wollen einen Mantel, einen Pallium, über diese Menschen legen", sagt er. Wenn ein alter Mensch etwa Unruhezustände bekomme, reiche oft seine vertraute Stimme aus, um ihm zu helfen. Das erspare eine Fahrt ins Spital. Auch hätten viele der Bewohner Heimweh. "Der Körper ist da, aber der Geist und die Seele sind noch woanders", so Zack.

"Hospiz ist Gedanke, Palliativ ist Handeln"

Der Unterschied zum Begriff Hospiz liegt für Ärztin Sperlich darin, dass man mit Hospiz eher die Idee, die Bewegung verbindet und mit palliativ eher das professionelle Handeln. Von Schulungen über Aromapflege bis zum Umgang mit Sterbenden, bei der Palliativ-Pflege stehe der Mensch im Mittelpunkt. "Wir sind im Unterschied zu anderen Einrichtungen nicht so klinisch. Wir haben keinen Spitalscharakter", sagt Pflegedienstleiterin Purth. Auch Elisabeth Lukoszek, die Leiterin des Bereichs "Lebensqualität", kümmert sich darum.

Eine ältere Dame liegt auf einer Tischbank. "Sind Sie müde", fragt Purth und hilft ihr hoch. Die Arbeitsmotivation entstehe durch das Miteinander und jede Menge Idealismus, da ist sich das Team einig. Und dafür sei der Verein Kolping schon immer eingestanden, so Seelsorger Zack. "Wir sind da, wenn Menschen aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen werden." Vor 160 Jahren initiierte das ein Priester namens Adolph Kolping, der Handwerksgesellen, die auf Wanderschaft gehen mussten, Hilfe und Unterstützung anbot.

Das Kolping-Haus in Favoriten bietet 50 Wohnplätze für Mütter und ihre Kinder. "Sie kommen oft aus den Frauenhäusern zu uns und bleiben zwei Jahre", so Purth. 40 Plätze gibt es für selbstständiges Wohnen im Alter, 204 Wohnplätze für Menschen in stationärer Pflege.

Herta St. und Anna B. warten bei "ihrem" Tisch auf die übliche Damenrunde. An der Wand kleben große Holz-Marienkäfer. Die Frisör-Termine sind an einer Pinwand vermerkt. Nicht immer verstehen sich die beiden Damen akustisch, aber dann wird erst recht gelacht.