Der ideale Tod. Die meisten wollen daheim sterben, ohne Schmerzen, umsorgt von Angehörigen und einer professionellen Pflegekraft. Die Realität sieht oft anders aus. - © Karen Kasmauski/Science Faction/Corbis
Der ideale Tod. Die meisten wollen daheim sterben, ohne Schmerzen, umsorgt von Angehörigen und einer professionellen Pflegekraft. Die Realität sieht oft anders aus. - © Karen Kasmauski/Science Faction/Corbis

Wien. Wir werden sterben. Alle. Ausnahmslos. Kaum ein Thema betrifft so viele Menschen - und kaum ein Thema wird dermaßen totgeschwiegen. Dabei muss sich jeder über kurz oder lang vor allem mit der Frage auseinandersetzen, wie er sterben will.

Abgesehen von der umstrittenen Überprüfung einer Verankerung des Sterbehilfeverbots in der Verfassung findet sich im Regierungsprogramm auch eine Art Rechtsanspruch auf den Zugang zu Palliativmedizin und Sterbebegleitung. "Wenn die Politik es schafft, das in der Verfassung festzuschreiben, dann ist das sehr wohl eine Stärkung", sagt Waltraud Klasnic, Präsidentin des Dachverbands Hospiz. Denn obwohl sich in den vergangenen Jahren in diesem Bereich einiges getan hat, ist man von der Idealversorgung Sterbender noch meilenweit entfernt. So verweist Klasnic darauf, dass zwar mittlerweile eine öffentliche Debatte über die Zukunft der Pflege entstanden ist, sich aber kaum jemand Gedanken darüber macht, "was am Ende der Pflege kommt - und das ist meistens der Tod".

Anders als in Deutschland sind Palliativ- und Hospizarbeit hierzulande nicht streng getrennte Disziplinen. Beiden liegt dieselbe Idee zugrunde, auf deren Basis Cicely Saunders 1967 das erste Hospiz, das St. Christopher’s Hospice in London, gegründet hat: die letzte Lebenszeit des Menschen würdevoll und ohne psychische wie physische Schmerzen - also zum Beispiel Atemnot, Durstgefühle, Übelkeit, Einsamkeit oder Angst - zu gestalten.

In Deutschland gilt als Palliativarbeit nur die medizinische Betreuung. Mittlerweile hat man aber erkannt, dass die psychosozialen Probleme am Ende des Lebens oft noch viel größer sind als die körperlichen. In Österreich, wo das Thema Palliativversorgung und Hospiz - abgesehen von Einzelinitiativen - erst gegen Ende der 1980er Jahre aufgekommen ist, wurde von Anfang an auf eine "radikale Interdisziplinarität" geachtet, wie Andreas Heller vom Institut für Palliative Care und Organisationsethik in Wien erklärt. Alle Berufsgruppen, die mit unheilbar kranken Menschen beschäftigt sind, darunter Ärzte, Pflegende und Sozialarbeiter, werden gemeinsam ausgebildet - laut Heller ein revolutionärer Ansatz im gesamten österreichischen Gesundheitssystem.

Damit ist die Versorgung aber noch nicht gewährleistet. 2004, also vor zehn Jahren, hat das Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) Kriterien für eine abgestufte Hospiz- und Palliativversorgung verabschiedet. Darin sind nicht nur die Qualitätsanforderungen für die unterschiedlichen Betreuungsformen - Palliativstationen und Konsiliardienste in Spitälern, Hospize, Tageshospize sowie mobile Dienste - aufgeführt. Es wird auch genau definiert, was als ausreichende Versorgung gilt. Eine Auswertung der Caritas für 2012 hat ergeben, dass noch die Hälfte der notwendigen Hospizbetten fehlte, bei den Palliativbetten waren es 23, bei den mobilen Diensten je 30 Prozent.

"Unwürdiges Hin und Her bei der Finanzierung"

"Es würde reichen, das, was beschlossen ist, jetzt einmal umzusetzen", meint Harald Retschitzegger, ärztlicher Leiter der Caritas der Erzdiözese Wien. Er fordert "eine gelebte Hospiz- und Palliativkultur im ganzen Land". Der Hauptgrund dafür, dass es an der Umsetzung der Pläne mangelt, ist aus seiner Sicht "das unwürdige Hin und Her bei der Finanzierung".

Denn wenn es ums liebe Geld geht, werden auch in Österreich große Unterschiede zwischen Palliativ- und Hospizarbeit gemacht: Erstere fällt als medizinische Maßnahme in den Gesundheitsbereich und damit in den Aufgabenbereich der Kassen und zum Teil der Landessozialfonds. Hospizbetreuung dagegen ist Teil der Pflegeversorgung, also des Sozialbereichs - und der ist zur Gänze Ländersache. Umgelegt auf den mobilen Hospiz- und Palliativdienst der Wiener Caritas, den mit 25 Jahren ältesten seiner Art, bedeutet das Folgendes: Die Caritas stellt in Wien vier von acht (laut ÖBIG-Plan sollten es 12 sein, aber das nur am Rande) mobile Palliativteams. Der Fonds Soziales Wien übernimmt 75 bis 80 Prozent der Kosten, der Rest wird aus Spenden finanziert. Die Kosten für die Organisation und Supervision der 90 ehrenamtlichen Hospizmitarbeiter werden zur Gänze aus Spenden finanziert. Anders als in anderen Bundesländern refundiert die Stadt Wien den Ehrenamtlichen nicht einmal die Kosten für die halbjährige Hospizbetreuer-Ausbildung.

Die Caritas betreibt Wiens einziges Tageshospiz, das mobilen Patienten Abwechslung und pflegenden Angehörigen einen Tag Pause gönnen soll. "Wir können aber nur zwei Tage die Woche offen halten, weil das nicht öffentlich unterstützt wird", klagt der Leiter des mobilen Caritas Hospiz der Erzdiözese Wien, Erich Borovnyak. Er fordert ein stationäres Hospiz für Wien. Denn bei Einrichtungen wie dem Hospiz am Rennweg handelt es sich um ausgelagerte Palliativstationen von Spitälern, wodurch die Finanzierung gewährleistet ist. Für die Patienten kann das aber zu einer grausamen Situation führen: Palliativbetten werden maximal 28 Tage ausfinanziert, dann herrscht ein hoher Entlassungsdruck. "Es geht hier oft nur um die Stabilisierung der Patienten, ins Hospiz kann man auch gehen, um zu sterben", erklärt Borovnyak.