Was halten Sie generell von den umstrittenen Modellen in Holland oder Belgien?

Die Grundsituation ist in allen Ländern anders. In Holland ist die Bindung zum Hausarzt sehr eng. Das wird als einer der Hauptaspekte genannt, dass es überhaupt zu diesen liberalen Gesetzen kam. In Belgien ist die Lage auch nicht so eindeutig, weil das Land in katholische Wallonen und evangelischen Flamen gespalten ist.

62 Prozent der Österreicher sind für Sterbehilfe.

Wie wurde das abgefragt? Die Leute verwechseln viele Dinge. Ich bin deswegen gegen den Begriff Sterbehilfe. Die Bioethikkommission hat 2011 eine Empfehlung zur Terminologie abgegeben: Passive Sterbehilfe sollte man "Sterben zulassen" nennen, "indirekte Sterbehilfe" ist, wenn ich in Kauf nehme, ein Leben durch die Schmerzlinderung um ein paar Stunden oder Tage zu verkürzen. Das sollte man "Sterbebegleitung" nennen.

Wie soll man mit Menschen umgehen, denen sterbebegleitende Maßnahmen nicht reichen, um ihnen unerträgliches Leid zu ersparen?

Das ist eine wichtige Frage. Schmerzen sind mit den heutigen Medikamenten gut zu behandeln. Es geht jedoch um diesen ganz geringen Prozentsatz von Menschen, deren unerträgliches Leid man nicht in den Griff bekommt. Das ist zu diskutieren, wie man mit diesen Menschen umgeht.

Besteht nicht die Gefahr des zunehmenden Sterbetourismus, sollte Österreich in seiner Haltung zur Sterbehilfe rigider bleiben als die anderen Länder in unserer Nachbarschaft?

Das ist ein gewichtiges Thema und muss zentral in der Diskussion behandelt werden.

Ein weiterer Dauerbrenner für die Bioethikkommission ist der Umgang mit Gentechnik: Schränkt sich Österreich durch seine Urangst davor zu sehr ein?

Schon beim Wort Gen zuckt in Österreich jeder zurück, das ist schrecklich. Wenn ich ein Huhn kaufe, steht "Gen-frei" drauf, das ist völlig absurd. Das Huhn hat schon noch Gene, oder?

Kann es nicht sein, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel in manchen Fällen weniger schädlich sind als sonstige großindustriell hergestellte Lebensmittel? Man sollte differenzieren zwischen guten und nicht guten Möglichkeiten der Gentechnik.

Und ja, wir engen uns da sicher zu sehr ein. Die Arbeitsplätze von morgen werden nicht mehr hauptsächlich in der Tischlerei oder Industrie geschaffen, sondern in Bereichen wie der Biotechnologie. Da müssen wir mitmachen. Das ist sonst so wie mit dem Atomstrom. Wir sind dagegen, importieren den Strom aber aus Frankreich. Das ist Selbstbetrug. Manche Zusätze in Lebensmittel sind längst gentechnisch verändert. Wir sind keine Insel der Seligen mehr. Wir haben oft sehr festgefahrene Meinungen, aber kein adäquates Informationssystem.