Wien. Sein Leben lang hat der Mann davon gesprochen, dass er selbst entscheiden will, wann er geht. Dann, im Alter, als eine Infektion seinen ohnehin schon von Metastasen gequälten Körper erwischte, hat er sich für Antibiotika und ein Weiterleben entschieden. Es ist eine von vielen Geschichten, wie sie Angehörige, Pflegende und Ärzte am Dienstag bei der Tagung "Leben bis zuletzt" in Wien erzählten. Und alle gingen in eine ähnliche Richtung: Egal, was der gesunde Mensch glaubt tun zu wollen, wenn der Moment gekommen ist, in dem seine Lebensqualität schwindet - in der Situation selbst wird die Welt ganz anders wahrgenommen.

So berichtete Herbert Watzke, Präsident der Palliativgesellschaft, die die Tagung gemeinsam mit dem Dachverband Hospiz veranstaltete, von einem Mann, der jahrelang von der Dialyse abhängig und nach einem Schlaganfall bei völlig klarem Verstand gelähmt war. Dieser Mann signalisierte mit den Augen, dass er weiterhin die Blutwäsche bekommen und den schwierigen Versuch einer Reha mit ungewissem Ausgang versuchen wollte.

Gegen assistierten Suizid

Watzke und Waltraud Klasnic, Präsidentin des Dachverbands Hospiz, sind sich darin einig, dass die aktuelle Sterbehilfe-Debatte nicht zu einer Verschlechterung der gültigen Gesetzeslage führen darf. Anders als andere Experten in dem Bereich betonen sie, dass auch der assistierte Suizid wie er in der Schweiz und im US-Bundesstaat Oregon möglich ist, verboten bleiben muss. Watzke schlug sogar vor, ein "Moratorium" zu verhängen - nämlich vorerst gar nicht über das Thema Sterbehilfe zu diskutieren.

Denn diese Debatte geht am Kern der "End of Life Discussion" - also der Frage, wie man ein Sterben in Würde gewährleisten und auch das Lebensende noch lebenswert gestalten kann - vorbei. So müsste erst einmal der Plan zur abgestuften Palliativ- und Hospizversorgung aus 2004 umgesetzt werden. Während schon relativ viele Palliativbetten vorhanden sind, fehlt es noch an der mobilen Betreuung (siehe Grafik). "Es braucht ein Netzwerk an spezialisierter Versorgung, aber das Spezialwissen muss auch in die Regelversorgung übernommen werden", sagte Karl Bitschnau, Vizepräsident des Dachverbands Hospiz. Während die Palliativpflege schon seit 16 Jahren zur Pflegeausbildung gehört, sickert sie erst langsam ins Medizinstudium ein. Pflegende und Ärzteschaft waren sich auf der Enquete einig, dass es dringend einen Lehrstuhl in Palliativmedizin braucht. Denn ohne spezielles Wissen sind Ärzte und Patienten oft überfordert.

Recht auf Palliative Care

Bitschnau forderte einen Rechtsanspruch darauf, dass alle die für sie notwendige Hospiz- und Palliativversorgung bekommen - und zwar unabhängig von der finanziellen Situation. Wie aber soll das zu finanzieren sein? Ganz einfach, meinte Watzke: Palliative Care kann sich selbst finanzieren - würde man die unnötigen Therapien am Lebensende unterlassen, könnte man so viel Geld sparen, dass sich Palliativbetreuung für alle ausginge.