Trotzdem: Sie leben und arbeiten in der Schweiz, wo es die Möglichkeit des assistierten Suizids gibt. Wie ist Ihre Haltung zu dem Thema?

Diese Diskussion wird in ihrer Bedeutung überschätzt. Wir wissen alle, dass es Extremfälle gibt, wo Menschen trotz bester Palliativmedizin schrecklich leiden - übrigens sind das in der Regel keine Schmerzen, sondern es geht um existenzielles Leiden. Auch diese Menschen brauchen Hilfe. Mir geht es aber vor allem darum, dass für über 99 Prozent der Menschen eine gute Begleitung am Lebensende das Wichtigste ist. Die bekommen aber nur die wenigsten. Das liegt auch daran, dass sich die Palliativmedizin traditionell sehr stark auf die Onkologie konzentriert, was ein Fehler ist, weil nur ein Viertel der Menschen an Krebs stirbt. In Zukunft werden die meisten Sterbenden über 85 Jahre alt und dement sein. Palliativmedizin in der Geriatrie ist aber noch ein Fremdwort. Wir schreiben deshalb demnächst in Lausanne mit Unterstützung von drei Stiftungen die weltweit erste Professur für geriatrische Palliativmedizin aus.

Sie haben es auch schon angesprochen: Die medizinische Betreuung am Lebensende ist zwar wichtig, aber es gibt Studien, wonach die psychosoziale und kommunikative Betreuung mindestens genauso wichtig sind.

Die psychosozialen und spirituellen Komponenten machen 50 Prozent der Palliativbetreuung aus. Am Lebensende kommen die Wünsche nach Lebensverkürzung fast ausschließlich aus diesem Bereich und nicht aus dem der Symptomkontrolle. Abgesehen davon ist die Kommunikation die Basis der gesamten Medizin. Ich kann mich dem Ruf nach der "sprechenden Medizin" aber nur sehr bedingt anschließen. Ärzte sprechen heute schon eher zu viel. Was leider oft fehlt - wegen der fehlenden Ausbildung - ist die Fähigkeit zum aktiven Zuhören. Es ist meine feste Überzeugung: Die Medizin der Zukunft wird eine hörende sein, oder sie wird nicht sein.

Wie kann man den Ärzten beibringen, besser zuzuhören?

Es gibt exzellente Studien dazu. Genauso wie man für eine Brustkrebs-Therapie Leitlinien braucht, sollte ein Medizinstudium evidenzbasierte Kommunikationslehrmethoden anbieten. Das ist inzwischen erfreulicherweise immer häufiger der Fall. Arzt-Patienten-Kommunikation kann man lernen, auch wenn man nicht begabt ist. Für schon im Beruf stehende Ärzte könnte man entsprechende Fortbildungen verpflichtend machen.

Es hapert auch immer bei der Finanzierung. Ärzte bekommen zum Beispiel für Hausbesuche - ihr Kerngeschäft - sehr wenig bezahlt.

Da geht es auch um Priorisierung. Die Palliativmedizin bekommt nur die Brosamen des Gesundheitssystems. Auf der anderen Seite sind wir quasi ein natürliches Antidot, was die Übertherapie am Lebensende betrifft. An dieser Übertherapie werden aber Milliarden verdient.

Zurück zur Kommunikation: Gerade mit Demenzpatienten ist sie ein Problem, weil sehr viele Ärzte nicht damit umgehen können.

Das ist richtig, aber die wahrscheinlich beste Palliativgeriaterin Europas, Marina Kojer aus Wien, hat zu Recht festgestellt, dass diese Patienten Weltmeister der Emotionen sind. Sie haben einen Kommunikationsbereich verloren, andere dafür ausgeweitet. Man muss sich nur auf diese anderen Kommunikationsebenen einlassen. Das ist nicht einfach. Pflegende können das meistens besser als Ärzte, weil sie näher an den Patienten sind. Auch deswegen ist die Palliativmedizin ganz konsequent multiprofessionell organisiert.

Im abgestuften Hospiz- und Palliativplan für Österreich, den es seit zehn Jahren gibt, sind viel mehr Betten vorgesehen als vorhanden. Sie schreiben: "Palliative Care gehört in die Köpfe, nicht in die Mauern." Macht es dann nicht Sinn, auf die Betten zu verzichten und stattdessen zum Beispiel mehr auf mobile Palliativteams zu setzen?

Wir brauchen ein pyramidales System. Wir brauchen nicht in jedem noch so kleinen Krankenhaus eine Palliativstation, sondern flächendeckend mobile Palliativteams, welche die Menschen zu Hause aufsuchen. 90 Prozent der Menschen können in einem guten Gesundheitssystem friedlich sterben, ohne jemals einen Palliativmediziner zu sehen. Das setzt aber voraus, dass die Palliativmedizin ein fester, verpflichtender Bestandteil der Ausbildung der Studenten und der Fachärzte wird. Dazu kommt, dass immer mehr Menschen in Pflegeheimen sterben werden. Die Pflegeheime sollten sich dessen bewusst werden, dass sie im Grunde große Hospize sind. Die Einführung einer echten palliativen Praxis in den Pflegeheimen ist eine der wichtigsten Prioritäten einer Palliativpolitik der Zukunft.

Wie kann man einen gesellschaftlichen Diskurs über das Sterben - abseits jenes über das Sterbehilfeverbot in der Verfassung - führen?

Die Debatte über das Sterbehilfeverbot in der Verfassung ist für mich eine große Nebelkerze, die erfolgreich von den wirklich brisanten Fragen am Lebensende ablenkt. Meiner Ansicht nach sollte das Reden über den Tod schon in der Schule beginnen - Kinder sind dafür viel offener als wir Erwachsene. Heute können Menschen sehr alt werden, ohne jemals einen Toten gesehen zu haben. Wir brauchen wieder eine gute Art, uns von Verstorbenen zu verabschieden, sie anzuschauen. Ansprechend gestaltete Abschiedsräume in Krankenhäusern können sehr hilfreich sein.