Wie lange wird der Wiederaufbau im Osten Aleppos dauern? - © reuters
Wie lange wird der Wiederaufbau im Osten Aleppos dauern? - © reuters

Wien/Damaskus. Hat das Zittern um das Schicksal zehntausender Menschen im Osten Aleppos - Frauen, Kinder, Verletzte - ein Ende? Am Donnerstag gab es gute Gründe für Optimismus, nachdem die am Vortag abgeblasene Evakuierungsaktion nun doch angelaufen war. TV-Bilder zeigten einen Konvoi aus Ambulanzwägen des Roten Kreuzes und Reisebussen, die aus der Trümmerwüste in Richtung Westen fuhren. Das syrische Regime meldete, dass bereits 1000 Menschen aus der Enklave gebracht worden sein, sie sollen alle unversehrt im von Rebellen gehaltenen Territorium angekommen sein. Ein zweiter Konvoi machte sich im Laufe des Abends auf den Weg und erreichte unbehelligt sein Ziel. Immer noch aber harrten tausende Kinder im völlig zerstörten Ostteil der Stadt aus, viele ohne Eltern.

In der Nacht auf Donnerstag war ein Waffenstillstand zwischen den Kriegsparteien vereinbart worden. Rebellen meldeten am frühen Vormittag Beschuss durch Scharfschützen, die Armee beschuldigte Baschar al-Assads Gegner, das Feuer eröffnet zu haben. Doch anders als am Vortag wurde die Evakuierung nicht eingestellt. Diesmal hatte auch die mit dem Regime verbündete schiitische Hisbollah dem Waffenstillstand zugestimmt.

Keine Hinweise auf Massaker

Das Rote Kreuz, das in dieser heiklen Situation mit Statements sparsam umgeht, bestätigte, dass die Evakuierungsaktion tatsächlich angelaufen sei. Die Menschen seien erschöpft, desillusioniert und in sehr schlechtem Zustand, hieß es. Laut syrischer Regierung wurden zunächst neben Verletzten vor allem Kämpfer der Opposition aus der Stadt gebracht. In den ersten Bussen saßen oder standen junge Männer. Viele machten sich auch in Autos auf den Weg. Am Nachmittag wurden ungefähr 100 private Fahrzeuge gezählt.

Syrien und Russland können die Aktion als großen Propagandaerfolg verbuchen. Der Kreml-treue TV-Kanal Russia Today war mit zahlreichen Kameras vor Ort und berichtete zeitweise live von der Evakuierung. Schließlich verkündete die russische Nachrichtenagentur Tass, dass alle Rebellen den Ostteil der Stadt verlassen hätten. Der Kampf um Aleppo sei damit offiziell beendet. Mit der "Befreiung" von Aleppo hätten die syrischen Regierungstruppen "Geschichte geschrieben", jubelte der syrische Machthaber Assad.

Zuletzt hatte es massive Befürchtungen gegeben, dass den Menschen in der ehemals blühenden syrischen Metropole ein ähnliches Schicksal wie der Bevölkerung von Srebrenica im Bosnien-Krieg 1995 drohen könnte. Dort waren vor den Augen der Vereinten Nationen rund 8000 Männer, Buben und Alte, von serbischen Einheiten ermordet worden.