Rebellen konnten Aleppo verlassen. Sie wollen weiterkämpfen. - © afp
Rebellen konnten Aleppo verlassen. Sie wollen weiterkämpfen. - © afp

Damaskus. Kein Happy End in Aleppo: Nachdem am Donnerstag die Evakuierung von Verletzten, Zivilisten und Rebellen aus dem eingekesselten Osten angelaufen war, hieß es am Freitag: Stop und alles retour. Ein Konvoi mit Flüchtlingen, der bereits in Richtung Westen unterwegs war, wurde von Assad-Kämpfern aufgehalten und zurück in die Trümmerwüste geschickt.

Das war um die Mittagszeit. Ab dann gab es kein Durchkommen mehr. Augenzeugen berichteten von zahllosen Zivilisten, die im eingekesselten Teil Ost-Aleppos in der Kälte auf Busse warteten - vergebens. Russland, das gemeinsam mit der syrischen Armee den Korridor aus Ost-Aleppo sichert, erklärte die Evakuierungsaktion für beendet: Alle Zivilisten und die meisten Rebellen hätten die Stadt verlassen.

Nach Angaben des Roten Kreuzes befanden sich immer noch zahllose Zivilisten in der Stadt, darunter Frauen und Kinder unter fünf Jahren, die unbedingt in Sicherheit gebracht werden müssten. Im Westteil der ehemals geteilten Stadt fühlen sie sich vom Regime verfolgt. Die Angst vor der Rache des Assad-Regimes geht um. Vor allem Rebellen-Kämpfer und Verletzte waren bis Freitagabend in der Lage, die Stadt zu verlassen.

Wie immer in diesem Krieg werfen einander die verfeindeten Fraktionen Wortbruch vor. Die Armee und das mit dem Regime verbündete Russland waren der Ansicht, die Rebellen hätten sich nicht an die Abmachung gehalten, wonach schwere Waffen im Kessel von Ost-Aleppo bleiben müssten. Den besiegten Assad-Gegnern sei nur die Mitnahme leichter Waffen erlaubt. Außerdem hätten die Rebellen versucht, entführte Gegner als Geiseln mit sich zu nehmen.

Die von Teheran gesteuerte schiitische Hisbollah, die auf Seiten Assads kämpft, behauptete, dass Verletzte aus zwei von den Rebellen belagerten Dörfern nicht wie vereinbart evakuiert werden konnten. Demonstranten hätten daraufhin die Straße blockiert, die die Konvois nehmen müssen, um aus Aleppo zu kommen.

Schuldzuweisungen

Die Rebellen wiederum beschuldigten Assads Truppen, die Konvois mit Flüchtlingen beschossen zu haben. Dann hätte die Armee die Straße dichtgemacht. Auch ein Reuters-Reporter berichtete von Straßensperren, die plötzlich errichtet worden seien. Die Rebellen erklärten zudem, dass nicht alle Kämpfer vollständig aus dem Osten Aleppos abgezogen seien. In der Tat feuerten Assad-Gegner offenbar auch am Freitag vereinzelt auf Stellungen der Armee. Die Kämpfe waren zuvor vom syrischen Regime und Moskau für beendet erklärt worden.

Damit geht das Zittern um das Los der Eingeschlossenen weiter. Nach Angaben der UNO sitzen weiterhin 50.000 Menschen fest. Das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen riefen die Beteiligten in einem dramatischen Appell dazu auf, die Evakuierungen wieder zu ermöglichen.

Die Lage in Aleppo ist verworren, weil es im syrischen Krieg unter den Verbündeten ganz unterschiedliche Interessen gibt. Das Regime in Damaskus widerspricht regelmäßig Darstellungen Russlands, die Rebellen sind intern zerstritten. Die Zivilisten werden als Spielball der Interessen der unterschiedlichen Fraktionen missbraucht - seien es die Russlands, die der syrischen Armee, die des Iran oder auch die der Rebellen. Die notleidende Bevölkerung, die seit Wochen und Monaten Unglaubliches durchmacht, dient als Faustpfand, um einen strategischen Vorteil zu bekommen oder einen Nachteil zu verhindern.

Die humanitäre Lage in Aleppo ist katastrophal. Die zurückgebliebenen Menschen sind durchfroren, es gibt wenig Nahrungsmittel, die Moral ist nach dem Hin- und Her um die Evakuierung am Boden. Die Verletzten, die aus Aleppo gebracht werden konnten, finden auch außerhalb der Stadt nicht die nötige medizinischen Versorgung. Mehr als 50 wurden deshalb zur Behandlung in die Türkei gebracht.

Kämpfe verlagern sich

Unterdessen wird immer klarer, dass sich die Kämpfe in die südwestlich von Aleppo gelegene Provinz Idlib verlagern. Dort befindet sich die letzte Hochburg der Rebellen, schon seit Wochen bombardieren das Assad-Regime und Russland die Region. Die rund 4000 evakuierten Rebellen aus Ost-Aleppo sind in der Region eingetroffen und bereiten sich auf Kämpfe vor.

Moskau versichert, dass man in Idlib den sogenannten Islamischen Staat bekämpfe, doch haben die Extremisten laut Militärexperten keine Stützpunkte in der Region. Die Gegend wird vielmehr von einer Rebellenkoalition verschiedener Gruppierungen kontrolliert, darunter radikale Islamisten. Es gibt aber auch gemäßigtere Rebellen, die von der Türkei unterstützt werden. Militärexperten prognostizieren für Idlib in den kommenden Wochen einen blutigen Kampf Mann gegen Mann, so wie in Aleppo.