In Ihrem Buch "The Age of Jihad" kritisieren sie den US-Einmarsch im Irak aufs Schärfste. Saddam Hussein sei einer der brutalsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts gewesen, doch die USA hätten alles falsch gemacht - und den Boden für den Islamischen Staat bereitet.

Den Sturz Saddams hätten sich die Amerikaner vielleicht noch erlauben können, denn die meisten Iraker hassten ihn und wollten ihn ohnehin loswerden. Aber sobald die USA den Irak besetzt hatten, wollte sie niemand mehr - einmal abgesehen von den Kurden. Hinzu kommt, dass alle Nachbarstaaten dagegen waren. Iran, Syrien - sie alle unterstützten verschiedene Gegner der USA. Sie wollten schlicht keine große US-Armee vor ihrer Haustüre.

Der heutige Islamische Staat setzt sich zusammen aus Al-Kaida, ehemaligen Kämpfern Saddams und frustrierten, von US-Truppen gedemütigten Sunniten. War das Potenzial immer schon da?

Ja, aber es ist schon bemerkenswert, wie es sich entwickelt hat: Zu einem monströsen religiösen Kult, der alle töten will, die nicht mit ihm übereinstimmen. Diese Gruppe verfügte bald über relativ gute Militärexpertise - einerseits durch ehemalige Offiziere Saddams, andererseits durch Erfahrung. Tobt ein Krieg lange genug, dann werden jene, die ihn überleben, gut in ihrem Job. Die IS-Männer, die 2014 Mossul eroberten, kämpften ja bereits seit 2003.

Angenommen, der IS wird bald
besiegt - was soll dann aus den Kämpfern werden? Die Islamisten sind wie eine Blase: Drückt man sie an einer Stelle hinunter, poppen sie woanders wieder hoch...

Das stimmt zu einem gewissen Grad, aber eine Niederlage bleibt eine Niederlage. Der IS hat Städte verloren und schwere Verluste eingesteckt. Um sich noch einmal zu erheben, bräuchte er sichere Verstecke, gut ausgebildete Leute, Geld. Bei einer Niederlage gäbe es all das nicht mehr, er könnte auch keine Steuern mehr einheben. Aber ja: Selbst, wenn seine Zahl nach einer Niederlage verringert ist, kann der IS immer noch einen Guerillakrieg führen. Auf Verluste auf dem Schlachtfeld reagiert er mit extremen Massakern an Zivilisten, um zu zeigen, dass man ihn noch fürchten muss.

Wie können erneute Versuche, ein sogenanntes Kalifat zu errichten, verhindert werden?

Sie haben nicht mehr den Überraschungsvorteil. Ein Teil der Sunniten etwa in Mossul hat den IS anfangs unterstützt. Doch dann fing er an, Menschen zu exekutieren. Die Leute werden den IS nicht wieder willkommen heißen. Was 2014 in Mossul geschehen ist, wird sich nicht wiederholen.

Sie waren eben in Mossul, die Militärinitiative zur Zerschlagung des IS ist in vollem Gang. Was waren Ihre Eindrücke?

In der Altstadt sind rund 400.000 Menschen eingeschlossen, die irakische Armee tut sich schwer, weiter vorzudringen. In dem Viertel liegen die Häuser dicht aneinander, die Gassen sind so eng, dass man nicht zu zweit nebeneinander gehen kann. Diese mittelalterliche Stadt ist ideal für einen urbanen Guerilla-Krieg. Es ist schwer, die Kämpfer zu erwischen, jede Bombe tötet auch Zivilisten. Der IS sprengt Locher in die Außenwände von Häusern, so gelangen die Kämpfer von Haus zu Haus, ohne aus der Luft gesehen zu werden. Sie bleiben ständig in Bewegung. Einer ihrer Scharfschützen kann 150 Soldaten davon aufhalten, vorzurücken - und so Gebiete halten.

Wann wird Mossul befreit werden?

Die Rede ist von Juni, aber selbst, wenn nur tausend IS-Männer dort bleiben, um bis zum Tod zu kämpfen, kann sich das noch viel länger hinziehen. Man könnte die ganze Stadt niederreißen, um die Sache zu beenden, aber das will ich nicht hoffen.