Raqqa. Der Fall der syrischen IS-Hochburg Raqqa erscheint nur noch eine Frage der Zeit, da die Kämpfer der von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) kurz vor der Altstadt stehen. Doch wer soll die Stadt nach der Vertreibung der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) regieren? Gegen die Kurden, die das SDF-Bündnis dominieren, gibt es in der arabischen Bevölkerung Vorbehalte. Damaskus und Ankara warten daher nur auf eine Gelegenheit, die Stadt unter ihre eigene Kontrolle zu bringen.

WER SIND DIE BEWOHNER VON RAQQA?

Vor Beginn des Bürgerkriegs lebten rund 300.000 Einwohner in Raqqa, die meisten von ihnen sunnitische Araber. Laut dem französischen Geographen Fabrice Balanche wohnten damals auch etwa 20 Prozent Kurden sowie einige tausend armenische Christen in der Stadt am Euphrat. Nachdem Raqqa im März 2013 an die islamistische Al-Nusra-Front und im Jänner 2014 an die IS-Miliz fiel, flohen jedoch die meisten Kurden und Christen. Heute sind die Einwohner laut Balanche zu 99 Prozent sunnitische Araber.

WAS SIND DIE PLÄNE DER KURDEN?

Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), die das Rückgrat der SDF bilden, wissen, dass viele Araber Vorbehalte gegen sie haben. Im April verkündeten die SDF daher die Bildung eines "zivilen Rats", der nach Vertreibung der IS-Miliz die Stadt regieren soll. Nach eigenen Angaben besteht der Rat aus Einwohnern, Stammesführern und anderen lokalen Würdenträgern der Provinz Raqqa und soll sich um die Sicherheit sowie das Justiz-, Bildungs- und Gesundheitswesen kümmern.

WAS HALTEN DIE EINWOHNER DAVON?

Viele Araber misstrauen der YPG-Miliz und dem "zivilen Rat". Laut Balanche sind die "Stämme von Raqqa nicht bereit, eine kurdische Vorherrschaft zu akzeptieren". Auch der Abgeordnete Faizal al-Sibat, der dem wichtigen Stamm al-Welda aus Raqqa angehört, sagt, dass die kurdischen Einheiten "keine Unterstützung im Volk haben". Die Stämme von Raqqa würden den zivilen Rat nicht akzeptieren und die Stammesführer im Rat würden "nur sich selbst vertreten", sagt al-Sibat.

WAS IST DIE HALTUNG DER TÜRKEI?

Ankara betrachtet die YPG wegen ihrer engen Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als Terrororganisation und kritisiert die US-Militärhilfe für die Gruppe. Die USA schätzen jedoch die YPG als schlagkräftigen Verbündeten gegen die Dschihadisten und haben sich über die Einwände ihres Nato-Partners hinweggesetzt. Die Türkei hofft nun darauf, Einfluss nehmen zu können, sobald es in Raqqa zwischen Kurden und Arabern Konflikte gibt.

WORAUF HOFFT DIE SYRISCHE REGIERUNG?

Die syrische Armee hat sich bisher aus der Schlacht um Raqqa herausgehalten, und wartet hundert Kilometer weiter westlich. Die Armee habe "keine Lust, bei der Rückeroberung von Raqqa Soldaten zu verlieren, wenn die SDF dies erledigen können", sagt Balanche. Die Regierung in Damaskus ziehe es vor, im Zuge eines Abkommens in die Stadt zurückzukehren. Sollte es Probleme zwischen Kurden und Arabern geben, stehe die Armee bereit, um als Stabilisator zu wirken.