Istanbul. Die Bilder sagen alles. Sie zeigen zwei syrische Frauen, die ihre schwarzen Kutten und Gesichtsschleier abstreifen und sich stolz in ihren traditionellen bunten Kleidern präsentieren, mit offenem Gesicht. Die tausendfach im Internet geklickten Fotos entstanden nach Angaben des Fotografen in einem Dorf in der Nähe der 100.000-Einwohner-Stadt Manbidsch in Nordsyrien, das die syrischen Kurden und ihre arabischen Verbündeten der "Syrischen Demokratischen Streitkräfte" (SDF) am Sonnabend von der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) erobert haben. Sie illustrieren, was Reporter von der Front berichten: Die Menschen in den befreiten Dörfern feiern das Ende der IS-Herrschaft.

Im Windschatten der Offensiven gegen den IS im irakischen Falludscha und syrischen Rakka stoßen rund 4000 Kämpfer der Anti-IS-Koalition in Nordsyrien seit Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan Anfang Juni nach Westen in die Provinz Aleppo vor. Die SDF-Truppen setzten mit zahlreichen Schiffen und schwerem Gerät über den Euphrat und kamen mit der Unterstützung von US-Luftschlägen sowie französischer und US-Elitetruppen schnell in dem Gebiet voran, das der IS seit rund zwei Jahren besetzt hält - flaches Gelände, das zwischen der türkischen Grenze, dem Euphrat und der umkämpften Metropole Aleppo liegt. Der IS war völlig überrumpelt, die SDF befreiten dutzende von Dörfern in der Umgebung von Manbidsch.

Am Freitag gelang es den SDF, Manbidsch vollständig zu umzingeln. Am Wochenende flogen US-Kampfjets ununterbrochen Angriffe auf die Stadt, durch die die wichtigste Verbindungs- und Nachschubroute des "Kalifats" von der Grenzstadt Dscharabulus am Euphrat in seine sogenannte Hauptstadt Rakka verläuft, die jetzt erstmals seit zwei Jahren gekappt ist. Der US-Sondergesandte für Syrien Brett McGurk sagte am Freitag, in Manbidsch hätten IS-Strategen die Terrorangriffe auf Paris und Brüssel geplant; ein weiterer Grund für die Offensive. Tausende Menschen sind aus der überwiegend von Arabern, aber auch Kurden bewohnten Stadt inzwischen geflohen. Der aus Tunesien stammende IS-Gouverneur Osama al-Tunisi wurde am Sonnabend von kurdischen Truppen auf der Flucht getötet.

IS geht offenbar Munition aus

Seither ziehen die Kurden die Schlinge zu und rücken unter schweren Gefechten auf das Stadtzentrum vor, in dem sich rund 2000 IS-Kämpfer aufhalten sollen, aber auch mehrere zehntausend Zivilisten als menschliche Schutzschilde in der Falle sitzen. Nach Angaben des niederländischen Reporters Wladimir van Wilgenburg haben die SDF ihre Angriffe am Montag mit Rücksicht auf die Zivilisten verlangsamt. Die Dschihadisten verbrennen unterdessen hunderte Autoreifen, um US-Luftschläge durch den schwarzen Rauch zu erschweren. Ihnen gehe offenbar die Munition aus, berichteten Reporter auf Twitter.