"Wiener Zeitung": Das UN World Food Programm (WFP) hatte in den vergangenen Jahren immer wieder Finanzierungsprobleme. Wie sieht es heuer für die Syrienhilfe aus?

Ralf Südhoff: Betreffend Syrien geht es uns deutlich besser als 2015, vor allem wegen der großen Unterstützung Deutschlands: Das WFP erhielt Anfang des Jahres eine historische Zuwendung von mehr als 570 Millionen Euro zugunsten Syriens und der Nachbarstaaten. So können wir die Hilfe fast bis zum Ende des Jahres auf hundert Prozent hochfahren. Im Libanon erhalten die Menschen wieder 27 Dollar pro Person und Monat auf elektronische Nahrungsmittelgutscheine. In Syrien selbst geben wir wieder die volle Nahrungsmittelration.

Von österreichischen Politikern heißt es häufig, man müsse die Hilfe in der Region aufstocken. Entspricht das der Zahlungsrealität?

Bisher leisten leider außer Deutschland wenige Geberstaaten großzügig Hilfe. Österreich hat 2015 eine Rekordhilfe von fünf Millionen Euro für die Syrienhilfe gegeben. Für heuer hoffen wir, dass das noch erfolgt. Bislang liegen Österreichs Zuwendungen für die Syrienkrise bei 850.000 Euro. Ich bin derzeit in Wien, um für mehr Unterstützung zu werben.

Rund 600.000 Menschen leben in Syrien in belagerten Gebieten. In Aleppo droht Hunderttausenden der Hungertod, weil Regierungstruppen die Nachschubrouten der Rebellen kappen. Gibt es eine Möglichkeit, die Städte zu versorgen?

Die Lage hat sich etwas verbessert. Es gibt 18 belagerte Städte und Regionen, die wir teils eineinhalb Jahre nicht unterstützen konnten. Es ist uns in den vergangenen Wochen mit der Unterstützung des Sicherheitsrates gelungen, zumindest für einzelne Konvois Zugang zu bekommen. Das reicht aber nicht, es ist dauerhafte Unterstützung nötig. Aus Madaya berichteten unsere Mitarbeiter Anfang 2016 von ausgehungerten Familien. In diese Stadt kamen wir seit April nicht mehr.

Gibt es Luftbrücken in IS-Gebiete?

Über die Luftbrücke nach Deir ez-Zor konnten wir 65 Flüge durchführen, die Lage dort hat sich stabilisiert. Der Nachteil ist, dass ein einziger Flug 200.000 Dollar kostet. Hilfe über Land wäre weit effizienter, es ist aber - mit Hinblick auf Transparenz und Neutralität unserer Hilfe - unmöglich, sich mit dem IS zu einigen. Wir führen eine Luftbrücke in das al-Hassakeh-Gebiet und versuchen, vom IS abgeschirmte Regionen aus der Luft zu unterstützen.

Jordanien lässt Syrer legal arbeiten und erhält im Gegenzug einen zinsfreien 300-Millionen-Dollar-Kredit von der Weltbank. Viele Flüchtlinge fürchten, die UN-Hilfe zu verlieren, sobald sie einen Job haben...

Das Ziel ist ein Übergang von der reinen Bargeldhilfe zu Cash-For-Work und ähnlichen Programmen. Es geht darum, Jobs und neue Strukturen aufzubauen - sowohl für Flüchtlinge als auch für Jordanier, damit nicht das Gefühl entsteht, dass es den Flüchtlingen besser geht als ihnen. Wir wollen unsere Hilfen aufrechterhalten oder ausbauen und etwa Trainings anbieten. Viele Syrer sind gut ausgebildet, sie können Wissen an die jordanische Bevölkerung weitergeben. Es droht aber niemandem, Hilfe zu verlieren. Das ist ein Gerücht, zumindest, was unsere Programme betrifft.

Die Türkei stellt mittlerweile auch Arbeitserlaubnisse für Syrer aus. Hat sich ihre Situation dadurch verbessert?

Die Lage hat sich leicht entspannt. Die Herausforderung in der Türkei ist, jene 90 Prozent der Flüchtlinge zu unterstützen, die nicht in Lagern leben. Die 200.000 Syrer in den Lagern sind vergleichsweise gut versorgt, aber mehr als zwei Millionen leben weitestgehend ohne Hilfe. Wir hoffen, dass wir ab August unsere Cash-Programme für diese Menschen über die Vereinbarungen der EU mit der türkischen Regierung massiv ausweiten können.

In der Türkei spielt Kinderarbeit eine große Rolle. Werden die EU-Milliarden dem entgegenwirken?

Häufig schuften die jüngsten Söhne in der Textilfabrik, um die ganze Familie zu ernähren. Das Ziel ist, diesen Familien über die Bargeldhilfen ein Auskommen zu ermöglichen, damit sie ihre Kinder in die Schule schicken können. Dann müssen die Menschen auch nicht weiterfliehen.

Die aktuelle Flüchtlingswelle ist erst der Anfang, sagen Experten. Durch den Klimawandel werden noch viel mehr Menschen kommen.

Durch das aktuelle Wetterphänomen El Nino mit seinen extremen Dürren sind allein im südlichen Afrika 40 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Das Problem ist, dass alle auf Syrien schauen und dabei die El Nino-Krise vernachlässigt wird. Wir brauchen heuer mehr als 200 Millionen Dollar, um minimale Hilfe leisten zu können. Für viele Länder haben wir nicht einmal fünf Prozent dessen, was wir bräuchten, um jenen zu helfen, die am schlimmsten betroffen sind. Das ist das Gegenteil von Fluchtursachenbekämpfung. Wir sehen ja, dass immer mehr Menschen über das Mittelmeer kommen. Das muss man ernst nehmen und Lösungen angehen, oder man wird die Migration weiter anheizen.

Hat die internationale Gemeinschaft Afrika vergessen?

Durch die Flüchtlingskrise ist Syrien wieder in den Fokus geraten. Es gibt Unterstützung aus Berlin und hoffentlich auch aus Wien. Man kann aber - medial sowie gegenüber Spendern und Regierungen - immer nur eine große Krise thematisieren. Das ist ein großes Problem in Zeiten von multiplen Krisen. El Nino ist eine von fünf weltweiten Großkrisen, das gab es vor ein paar Jahren noch nicht. Wir müssen uns darauf einstellen, verstärkt Lösungen anzubieten.

Die EU verspricht Afrika 6,6 Milliarden Dollar Hilfe, um Flüchtlingszahlen zu reduzieren. Ist das zumindest ein Anfang?

Das ist ein Anfang, wenn die Gelder dazu genutzt werden, akute Hilfe vor Ort zu leisten. Es geht aber nicht um den Tropfen auf den heißen Stein, sondern darum, den Menschen eigene Existenzen zu ermöglichen. Die entscheidende Herausforderung ist, dass wir viel schneller und früher Krisen eindämmen müssen, anstatt auf das große Desaster zu warten.