Nach einem Angriff auf einen Stadtteil in Rebellenhand. - © apa/afp/Baraa al-Halabi
Nach einem Angriff auf einen Stadtteil in Rebellenhand.
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Aleppo/Wien. Die Szenen glichen einem Ausbruchsversuch aus dem Gefängnis, das ihre Stadt geworden war. "Überall hört man Explosionslärm, Tausende sind auf den Straßen und demonstrieren", berichtete der syrische Journalist Rami Jarrah aus Aleppo vergangenen Sonntag. Eben war noch vom Fall der Oppositionshochburg die Rede, vom Ende der syrischen Revolution. Über Nacht drehte sich die Stimmung. Reifen, Müll, Vorhänge wurden verbrannt, um die Sicht von Kampfjets und Helikoptern zu stören. "Wir schaffen nun unsere eigene Flugverbotszone", riefen die Menschen in Videokameras.

Doch es war nicht nur ein spontaner Aufstand gegen die Belagerung des Ostteils der Stadt, der 2012 von Rebellen-Milizen eingenommen wurde und deren 300.000 Einwohner seit Juli von Einheiten der syrischen Armee umzingelt sind. Über Monate war die Offensive, die in dieser Nacht startete, geplant worden.

Zwei Selbstmordanschläge gegen Stellungen des Regimes im Westen der Stadt waren der Auftakt dazu. 22 Milizen aus allen Landesteilen und Lagern des syrischen Widerstands hatten sich zusammengeschlossen: Sie liefern sich seither mit Einheiten der syrischen Armee und der mit ihr verbündeten Milizen, der libanesischen Hisbollah sowie iranischen Sondereinheiten, die schwerste Schlacht des syrischen Bürgerkrieges. Anfangs schien die Opposition im Vorteil. In einem Tunnel unter einer Militärschule der syrischen Armee wurde eine gigantische Bombe gezündet. Binnen 48 Stunden gelang es, den Belagerungsring zu durchbrechen, und kurz war der vom Regime kontrollierte Westen von der Außenwelt abgeschlossen.

Schwer verwundete Kinder können kaum versorgt werden

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Russische und syrische Kampfjets intensivierten danach ihre Angriffe. Aus Helikoptern donnerten Fassbomben auf die von den Rebellen gehaltenen Viertel. Raketen, Brandbomben und Seeminen wurden abgeworfen. Die Rebellenmilizen feuerten Granaten und auch Raketen in die vom Regime kontrollierten Stadtteile. Die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten trägt die immer gravierenderen Folgen; bis zu hundert Menschen sterben täglich.

"Nach fünf Jahren Krieg scheinen alle Schranken gefallen zu sein - mit furchtbaren Folgen für die Zivilbevölkerung und besonders für die Kinder", sagt Christian Schneider, der deutsche Chef des UN-Kinderhilfswerk Unicef. "Es geschehen Kriegsverbrechen, die einem den Atem rauben."

Grauenhafte Bilder gelangen aus Aleppo in die soziale Medien: Abscheuliche Misshandlungen von Kriegsgefangenen beider Seiten. Am fürchterlichsten sind aber die Aufnahmen von Kindern, die schwer verwundet, nur noch behelfsmäßig versorgt werden können. Selbst bei offenen Bauchwunden, zerquetschten Armen und Beinen.

Von "einem Massaker nach dem anderen", berichtet Mahmoud Rashwani, der mit seiner Familie in der Stadt gefangen ist, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" am Freitag: "Wir leben nur noch von einem Tag auf den nächsten. Unter Sieg verstehen wird jetzt, wenn wir bis zum Abend überleben. Weiter wagen wir nicht mehr zu denken."

Leute wie Mahmoud Rashwani waren es, die einmal die Revolution wagten, weil sie nach einem modernen, demokratischen Syrien strebten. Jetzt, sagt er, habe er den Glauben verloren. Unvorstellbar sei der Alltag geworden. Bis zu 100 Luftschläge gebe es
täglich.

"Es ist offensichtlich, dass dabei bewusst die Infrastruktur im Visier ist", sagt Mohammed al-Zein, der sich im lokalen Rat Aleppos um den kläglichen Rest der Infrastruktur kümmert. Allein in der letzten Juli-Woche wurden sechs Spitäler im Osten angegriffen. Da es kaum noch Treibstoff für die Generatoren, schon gar keinen Strom gibt, werden in den verbliebenen Spitälern nur noch absolute Notoperationen durchgeführt. Unterdessen verschärft sich die Versorgungslage für die 300.000 Menschen im Osten Aleppos dramatisch. In langen Schlangen steht man um ein paar Fladen Brot an. Obst und Gemüse sind von den Märkten verschwunden, für Grundnahrungsmittel werden horrende Preise verlangt: 60 Euro für ein Kilo Zucker.

"Ein Drittel der in Aleppo gefangenen Menschen sind Kinder und die Hälfte der Opfer der Angriffe sind Kinder. Niemand hat mehr sauberes Wasser." Die US-amerikanische UN-Botschafterin Samantha Power zählte die Details der Tragödie bei einer Pressekonferenz auf. Die ehemalige Journalistin prangerte einst die Tatenlosigkeit der USA bei Völkermorden an; jetzt wirkt die Spitzendiplomatin der Supermacht selbst ohnmächtig.

In zwei Wochen, Mitte August, sind erneute Syrien-Gespräche geplant. Eigentlich hätte erneut über die Wiederherstellung der Feuerpause verhandelt werden sollen, die im Februar kurzfristig erzielt wurde. Jan Egeland, der für die Internationale Syrien-Unterstützungsgruppe, als humanitärer Berater arbeitet, forderte allerdings ein sofortiges Ende der Kämpfe um Aleppo, sieht das humanitäre Gewissen der Weltgemeinschaft gefährdet, wenn nicht sofort gehandelt werde.

Bündnis von Moderaten und Dschihadisten

Doch nach einer Einigung sieht es nicht im Ansatz aus. Vor allem die USA sind mit einem diplomatischen GAU konfrontiert. Eigentlich war im Vorfeld der August-Verhandlungsrunde vereinbart worden, dass man gemeinsam mit Russland neben der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auch die in Syrien aktive Al-Kaida-Gruppe Jabhat al-Nusrah als gemeinsamen Feind bekämpfen wird. Diese Gruppe hat sich in den letzten Tagen umbenannt und vom Terrornetzwerk losgesagt. Als ideologische Kehrtwende interpretiert dies niemand, auch nicht der Chef der Gruppe, Muhammed al-Golani: "Uns geht es bei diesem Schritt darum zu beweisen, dass wir keinen Einfluss aus dem Ausland zulassen, sondern nur für Syrien kämpfen."